Verwertungslogik: alte Schule

Eine Freundin erzählt mir von der Umschulung. Im Deutschunterricht, gibt es Bewerbungstraining. Der Lehrer sagt, das wichtigste ist ein seriöses Anschreiben, das Vertrauen erzeugt. Deshalb sei gutes Deutsch wichtig. Vorne links meldet sich jemand. Es ist die Blondierte mit den hochhackigen Schuhen, in denen sie kaum laufen kann. „Für mich das wichtigste ist das Bewerbungsfoto. Deshalb habe ich auch extra chicke machen lassen, so mit nachretouchiert und so.“ „Das Bewerbungsfoto ist natürlich auch wichtig. Es gibt Ihnen die Möglichkeit, sich mit Ihrer ganzen Person zu präsentieren“, sagt der Lehrer. „Genau, ganze Person. Wenn der Chef die Bewerbungsmappe aufmacht und mein Bild sieht, soll der sich denken: Wow! Die will ich ficken. Dann hab ich den Job.“
Man fragte sich, ob das Leben den Witz nachahmt, oder der Witz das Leben. Denn zweifelsohne handelt es sich hier um einen klassischen Blondinenwitz-Plot. Und es haben, wie ich mir habe versichern lassen, auch alle gelacht. Es war aber vollkommen ernst gemeint.

Der Märchenerzähler ist da

Jüngst war ich mit einer lieben Bekannten in Beeskow, um mir eine Ausstellung anzusehen. Ein Besuch Beeskows, man muss das hier laut und vernehmlich sagen, lohnt sehr. Denn diese durchaus reizende Kleinstadt im Oder-Spree-Kreis hat etwas zu bieten, das einzigartig ist: das Kunstarchiv Beeskow, eine Sammlung ehemaliger DDR-Kunst, insgesamt 23.000 Objekte, von denen immer wieder einige für Ausstellungen ausgewählt und kompiliert werden.
Zurzeit und bis Mai 2011 ist auf Burg Beeskow noch die Ausstellung „BilderBühnen. Leinwandszenen aus dem Kunstarchiv Beeskow 1978 bis 1988“ zu sehen; späte, bisweilen verstörende DDR-Kunst, die ein ganz anderes Bild transportiert, als dasjenige, welches ganz spontan entsteht, wenn man daran denkt, dass die Sammlung des Kunstarchivs Beeskow aus „Erholungsheime[n], Schulungszentren, Geschäftsstellen, Gästehäuser[n] oder Speisesäle[n]“ sowie manchem Parteibüro stammt.
Zwar gibt es auch einige Bilder, die kaum den Erwartungshorizont sprengen, wie beispielsweise Willi Sittes anklagendes Bild „Apartheid“, das zu einer ganzen Reihe von Bildern zu Südafrika gehört, mit dem sich Sitte seit dem Aufstand von Soweto verstärkt beschäftigte.

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Willi Sitte: Apartheid (1986)

Der Großteil der Ausstellung zeigt aber Bilder, welche solche nahezu klassischen antiimperialistischen Sujets verlassen. Bilder wie beispielsweise „Der dritte Versuch“ von Thomas Ziegler, vor denen man in dem großen und hinsichtlich des Lichts seht angenehmen Ausstellungsraum stundenlang stehen könnte.

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Thomas Ziegler: Der dritte Versuch (1983)

Am meisten hat es uns aber ein Bild Andreas Schmidts namens „Der Märchenerzähler ist da“ angetan, über welches es im Ausstellungskatalog kurioserweise heißt, dass „gesellschaftliche Dimensionen“ in diesem ausgeklammert blieben.1 Das Bild zeigt eine relativ alltägliche Szene in einem Kindergarten oder einem Kinderhort. Um einen Vorleser herum, der auf einem Tisch sitzt, haben sich die Kinder gruppiert. Man sieht die Kinder von vorn, ihre Gesichter allerdings nur schemenhaft. Sie scheinen interessiert zuzuhören, ein Kind hat die Hand an den Kopf gehoben, eine Geste der Aufmerksamkeit und der Konzentration. Links oben an der Wand hängt ein Kind rücklings über dieser, die Hände im Nacken verschränkt.
Den Erzähler aber sehen wir nur von hinten. Er, der unter gelben Lampions sitzt, die aussehen wie Zitronenscheiben, steht ganz im Zentrum des Bildes. Während die Wände rot gehalten sind und auch die Kinder farblich kaum hervorstechen, trägt er einen grünen langen Mantel und eine grüne Kappe, die deutlich als die Narrenkappe des Till Eulenspiegel gekennzeichnet ist. Die Schellen der Kappe hängen aber nicht seitwärts am Kopf herunter, sondern stehen aufrecht, was dem Bild eine eigenartige Bewegung verleiht, während die ganze Atmosphäre doch eher Ruhe ausstrahlt – bedächtiges Vorlesen und ruhiges Zuhören.
Rechts neben dem Vorleser, ganz nahe am Tisch, steht ein Kind, die Hände auf eine Stuhllehne gestützt, den Kopf leicht nach unten geneigt. Dieses Kind ist im Gegensatz zu den anderen farblich am deutlichsten markiert. Die Mimik des Kindes ist kaum zu ergründen, so wie auch die ganze Stimmung des Bildes.

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Während die Bekannte und ich uns über viele der anderen Bilder schnell einig wurden, ein wenig herumrätselten, aber doch im wesentlichen zu den gleichen Ergebnissen kamen, entstand hier Streit. Denn es ist nicht nur der stehende Junge, in welchem ich eine Büßerhaltung erkennen man, als werde er von einer Autoritätsperson gemaßregelt, stumm stehend, eine Strafpredigt über sich ergehen lassend, es ist auch der Vorleser selbst, der etwas Unheimliches ausstrahlt. Schon der Umstand, dass wir ihn nicht sehen, lädt den Betrachter natürlich ein, der Gestalt, die da in solch seltsamer Verkleidung sitzt, ein Gesicht beizugesellen.
Was liest er wohl vor? Und liest er überhaupt vor? Hatdas Buch, das er hält, nicht nur weiße Blätter? Was ist das also für eine Situation? „Der Märchenerzähler ist da“, so scheint mir, ist auch kaum ein eindeutiger Titel. Die Syntax mutet komisch an. Ist das ein einfacher Aussagesatz, oder könnte man auch ein Ausrufezeichen dahinter setzen?

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Andreas Schmidt: Der Märchenerzähler ist da (1985)

Was auch immer dieses mich faszinierende Bild aussagen mag, ich würde es in keinen Kindergarten hängen und in kein Kinderzimmer. Im Katalog heißt es über den Maler Andreas Schmidt, er sei ein „sonnenhungriger Romantiker“ gewesen und habe eine „sonnenkindhafte“ Neigung gezeigt. Wo Licht ist, da ist auch Schatten. Ist es komisch, dass ich in diesem Bild eher die Schatten sehe?

  1. BilderBühnen. Leinwandszenen aus dem Kunstarchiv Beeskow 1978 bis 1988, hg. von Simone Tippach-Schneider, Beeskow 2010, S,. 58 [zurück]

Eine kleine Ergänzung zu Wieland Herzfelde

Wir hatten Anlaß über Wieland Herzfelde zu sprechen. Nun stoßen wir zufälligerweise auf eine Anekdote denselben beteffend1, die so köstlich ist, daß Sie hier einfach wiedergegeben werden soll – nicht zuletzt weil sie in den Themenumkreis des Stalinismus gehört, dem wir uns ja auch in unserem letzten Beitrag widmeten. Die Anekdote trägt den Namen Herzfelde in Moskau.

Besonders gerne erzählte Hacks die Geschichte, wie Wieland Herzfelde, der Gründer des sagenumwobenen Malik Verlages, 1938 in Moskau weilte und dort erschossen werden sollte. Herzfelde war nach Moskau gereist, um am Schriftsteller Kongress teilzunehmen. Er hielt eine Rede und sagte, der sozialistische Realismus ähnele noch zu sehr einer Seite von Tolstoi und riet, man solle ihn ein wenig mehr wie James Joyce schreiben. Zwei Tage später sagte ihm Johannes R. Becher, der spätere erste Kulturminister der DDR, er solle wegen dieser Rede erschossen werden. Herzfelde nahm das ernst, ging zu einem Büro, sage dort er solle erschossen werden, was es damit auf sich habe. Der Beamte nahm das auch ernst, blätterte in Akten, telefonierte auch mit anderen Stellen und sagte dann zu Herzfelde, gegen ihn läge nichts vor. Zurück in seinem Hotel, fand Herzfelde ein Honorar vor, zusammen mit der Anfrage der Redaktion der Prawda, man gedenke, seine Rede abzudrucken, erbitte seine Erlaubnis und hoffe, dass er mit der überwiesenen Summe zufrieden wäre. Da man damals in Moskau nicht viel kaufen konnte, erwarb Herzfelde, der Eisenbahn fahren liebte, dafür eine ungewöhnlich lange Eisenbahnreise über Finnland, Schweden, Dänemark, Frankreich und die Schweiz nach Prag. Als er dort eintraf, fand er ein Telegramm aus Moskau vor, ob er für die SU eine Ausgabe mit Werken von James Joyce zusammenstellen wolle? „Vorsichtshalber“, erzählte Hacks mit Schmunzeln, „lehnte Wieland Herzfelde ab.“

  1. Die Anekdote findet sich in dem Band: André Müller sen.: Gott hält viel aus. Zweihundert Anekdoten über Peter Hacks, Berlin: Eulenspiegel 2009, S. 106f. [zurück]

Dadada, oder: „Dada hat Gott sei Dank seinen Lukács nicht gefunden“ – Wieland Herzfelde im Jahr 1976

„Da da da“ war nicht nur der große Hit der Neuen Deutsche Welle-Formation Trio. Dada oder Dadaismus, das war auch die von Zürich ausgehende, mitten im Ersten Weltkrieg begründete literarische Bewegung, die in einer radikalen Umkehr alles bisher Dagewesenen mit den Konventionen der Kunst und des guten Geschmacks aufräumte. So dichtete Hugo Ball 1916, recht passend zum ‚Gaga‘ der Deutschen in den Schützengräben und an der Heimatfront, seinen Totentanz nach der Melodie des Soldatenliedes „So leben wir“:

„So sterben wir, so sterben wir.
Wir sterben alle Tage,
Weil es so gemütlich sich sterben läßt.
Morgens noch in Schlaf und Traum
Mittags schon dahin.
Abends scho zuunterst im Grabe drin.“

In Balls am 14. Juli 1916 in Zürich vorgetragenem Eröffnungs-Manifest hieß es:

„Dada ist eine neue Kunstrichtung. Das kann man daran erkennen, daß bisher niemand etwas davon wußte und morgen ganz Zürich davon reden wird. Dada stammt aus dem Lexicon. Es ist furchtbar einfach. Im Französischen bedeutets Steckenpferd. Im Deutschen: Addio, steigt mir bitte den Rücken runter, auf Wiedersehen ein ander Mal!“

Und tatsächlich redete man nicht nur in Zürich davon, sondern auch in Berlin. George Grosz und Helmut Herzfeld griffen Balls sowie Richard Huelsenbecks Dadaistisches Manifest auf. (man geht kaum fehl, wenn man den Dadismus eine Kunstrichtung der Manifeste nennt; es gibt über ein Dutzend). Bald entstand auch in Berlin eine Dada-Szene, die – so viel muss zugestanden werden – doch immerhin die Fotomontage als künstlerisches Verfahren hervorbrachte, eine völlig neuartige und, wie man später am Beispiels Helmut Herzfelds, der sich da längst in John Heartfield umbenannt hatte, sehen konnte, durchaus revolutionäre Kunst.

John Heartfields Fotomontagen
Fotomontage John Heartfields

Mit im Boot war auch dessen Bruder Wieland Herzfeld (der seinem Nachnamen, weil es auch einfach schöner klingt, ein ‚e‛ anhing), der dazu aufrief „Dadamunden“ zu sprechen und die „mistverpichten Präpipister [zu] töteln“, zahlreiche Nonsens-Gedichte im Geiste der Verweigerung jeglicher Autorirät schrieb und im Dada-Jahr 1916 schließlich die Zeitschrift „Neue Jugend“ gründete – welche die Regierung sofort verbot. Damit aber, so scheint‛s, hatte der Dichter Herzfelde seine Profession gefunden. 1917 gründete er den sagenumwobenen Malik-Verlag, der bald zu einem der führenden linken Verlage der Weimarer Republik aufstieg und sich rühmen darf, die Deutschen mit Upton Sinclair und Jon Dos Passos bekannt gemacht zu haben (mal ganz abgesehen von den grafischen Standards, die John Heartfield und Georg Grosz setzten). Die Weimarer Zeit war für Herzfelde eine recht bewegende; und sie endete für ihn wie für die meisten Kommunisten und Sozialdemokraten (ja selbst für solche Knallchargen wie Gustav Noske) in der Katastrophe. Über Prag und London führte Herzfelde der Weg nach New York, wo er 1944 den Aurora-Verlag ins Leben rief und eifrig die Literatur des antifaschistischen Exils verlegte.
1949 kehrte er aus dem Exil zurück und ging, wie jeder halbwegs vernünftige Mensch seinerzeit, in die Deutsche Demokratische Republik, die „Diktatur der Opfer“, wie Friedrich Dieckmann einmal ganz richtig formulierte. Dortselbst mit einem Professorentitel bekränzt, man tat schließlich was für seine Leute1, lehrte er erst an der Universität Leipzig und dann am 1955 gegründeten Literaturinstitut. In einem 2010 erschienen Gesprächsband erinnert sich Adolf Endler, Studierender des ersten Jahrgangs, an die Lehrer des Instituts und beschreibt Herzfelde als einen der

„langweiligste[n] und dogmatischste[n]“ Lehrer und als einen der schlimmsten Stalinisten, „der in seinen Seminaren in unsäglicher Weise über die amerikanische Literatur hergezogen ist. Auch er wollte von den stalinistischen Verbrechen nicht wissen, auch später nicht.“2

Der letzte Teil des Satzes stimmt nicht ganz, auch wenn Endler durchaus versteht, was in den fünfziger Jahren gerade bei so ‚altgedienten‛ Genossen wie Herzfelde, der noch am Tag der Gründung der KPD deren Mitglied geworden war, vorging: „Später ist mir dann klar geworden, dass dieser Mann Angst hatte.“3 Man sollte das nicht unterschätzen. Immerhin waren vor nicht allzu langer Zeit Wilhelm Zaisser und Rudolf Hernstadt weggemäht worden, und die Prozesse gegen Harich und Co., die Ende 1956 verhaftet wurden, waren in vollem Gange.
Wie so oft aber – was jedoch nun wirklich ein anderes Kapitel ist – beschreibt Endler in seiner Äußerung nicht den ganzen Sachverhalt. Denn Wieland Herzfelde wollte von den stalinistischen Verbrechen später durchaus noch etwas wissen. Und was er auch immer gewesen sein mag, ein Stalinist war er gewiss nie. Das bringt uns zum eigentlichen Anlass dieses kleinen Textes. Sie entschuldigen die umständliche Einleitung, gell?
Am 13. März 1978 saßen in der Akademie der Künste der DDR, Robert-Koch-Platz Nr. 7, direkt bei der Charité, neun Männer und eine Frau beisammen und sprachen über Georg Lukács und dessen Realismustheorie. So lautete zumindest der Titel der Veranstaltung, die im Rahmen der von Peter Hacks begründeten Akademie-Arbeitsgruppe Ästhetik stattfand und an der neben den führenden Literaturwissenschaftlern Werner Mittenzwei und Robert Weimann auch der Philosoph Wolfgang Harich, der ehemalige Kulturminister Alexander Abusch sowie die SchriftstellerInnen Helmut Baierl, Peter Hacks, Rainer Kerndl, Günther Rücker, Anna Elisabeth Wiede und last but not least eben auch Wieland Herzfelde teilnahmen; eine illustre Runde also.4
Herzfelde, der im April 1976 bereits zweiundachtzig Lenze zählte, spielt in diesem Gespräch eine besondere Rolle. Denn während die anderen den ja durchaus ehrenwerten Versuch unternahmen, sich über die literaturgeschichtliche Rolle Lukács und dessen ästhetische Theorie zu verständigen, sprach Herzfelde über seine ganz eigenen Erfahrungen mit dem Spiritus rector der marxistischen Literaturtheorie nach 1945.
Es beginnt damit, dass Wolfgang Harich äußert, er sei der Ansicht, Lukács habe den „Bedingungen in der damaligen Zeit“ – gemeint ist natürlich der Stalinismus – „doch eben das Beste abgerungen“, woraufhin Herzfelde trocken einwirft: „Ich nicht.“ (102) Und wenig später antwortet der ehemalige Dadaist auf die Frage Peter Hacks‛, was es denn sei, was Lukács verkannt habe „und was wir doch so dringend brauchen und hervorgebracht haben“?: „Brecht, Heartfield, Grosz. Ich nenne Brecht, Heartfield, Grosz zum Beispiel.“
Das ist der Auftakt. Wieland Herzfelde hat sich warmgelaufen, könnte man sagen. Denn Herzfelde spricht, und das macht er sofort und unmissverständlich klar, indem er betont, dass der elf Jahre ältere Lukács ja eher ein Zeitgenosse von ihm war, über sein persönliches Verhältnis zu Lukács (und meint damit nun eben nicht, was einem so zu einem einfällt, wenn man ein bisschen nachdenkt, also beispielsweise mein persönliches Verhältnis zu Franz Mehring, oder so).
Herzfeldes persönliches Verhältnis zu Lukács war kein positives. Schon mit „Geschichte und Klassenbewusstsein“, der Schrift, mit welcher Lukács in den zwanziger Jahren in marxistischen Kreisen bekannt wurde, war er nicht einverstanden; überhaupt mit dessen ganzer Theorie nicht. Schon damals habe er das, was Lukács „über Literatur sagte, und vielmehr das, was er nicht sagte“, nicht ohne Weiteres schlucken können, „auch heute nicht“. (S. 115) Als er in den fünfziger Jahren in Leipzig gelehrt habe, sei er mit dieser „Art Bibel“ konfrontiert worden, „die im Gegensatz zur wirklichen Bibel bedeutend umfangreicher war“ und welche „unsere heutigen Lehrer unserer Kinder auch noch gelesen und gelernt haben“. Und diese ‚Bibel‛ – gemeint sind Lukács Schriften aus den dreißiger und vierziger Jahren, die in der DDR nach 1945 in großer Auflage erschienen und im eigentlichen Sinne des Wortes Kanon als festgesetzte Ordnung galten, weiter gefasst: Lukács auf dem Boden der Volksfrontstrategie aufgerichtete ästhetische Theorie, die auf eine Ausgrenzung der links-avantgardistischen Literatur zugunsten der Klassik und des bürgerlichen Realismus hinauslief –, diese Bibel also habe letztlich Folgen gehabt, mit welcher die DDR heute zu kämpfen habe:

„Und das rächt sich natürlich in Form von blauen Hosen mit Fransen dran und schmutzig. Also das ist die Rache für diese Art Unterricht.“ (115)5

Sodann wirft Herzfelde Lukács vor, den Roman einseitig zur zentralen Gattung erhoben und die kleineren Genres wie die Lyrik oder auch alltagsnahere Literatur wie etwa die Kalendergeschichten Hebels in Misskredit gezogen, ja einem „Aberglauben an den Roman“ das Wort geredet zu haben (S. 117), dieser völlig überschätzten Gattung, die im ausgehenden 18. Jahrhundert aufgekommen sei, um reichen Damen die Zeit zu vertreiben. – Sie sehen schon, hier wird es ein wenig wirr, auch wenn Herzfelde genealogisch nicht so unrecht haben mag. Aber Herzfelde arbeitet sich tapfer voran. Sicherlich müsse man Lukács auch „eine gewisse Gerechtigkeit“ (S. 117) angedeihen lassen, nur: es dürfe halt nie wieder so weit kommen wie damals an der Universität, als der ehemalige Dadaist Herzfelde mehr oder weniger gezwungen war, Lukács zu unterrichten und … – dann kommt noch eine Schleife, Wieland spricht über seinen Bruder, dessen Klassenverbundenheit, das Bahnbrechende der Fotomontage, erzählt wieder von sich – Sie sehen schon, er kommt ganz schön ins Schwatzen –, wie sie ihn damals „Progreß-Dada“ genannt haben, „weil ich eben für den Fortschritt war“ und dass Dada „Gott sei Dank seinen Lukács nicht gefunden“ (S. 119) habe6 und über El Lissitzky, der die Grafik revolutionierte … und dann, dann ist er da, wo er hin will:

„Ich wollte nur eines sagen: Dem Heartfield und auch mir und auch Becher, weil er in seiner frühen Jugend expressionistische Gedichte geschrieben hat, und vielen anderen ist diese Diskussion sehr schlecht bekommen und es ist nicht so ohne weiteres von der Hand zu weisen, daß sie manchmal sogar lebensgefährlich war. Ich will jetzt nicht auf Einzelheiten gewisser Prozesse usw. eingehen, und auch schlichter Verhaftungen ohne Prozesse usw. Jedenfalls war das eine Diskussion auf Leben und Tod, […] und in dieser Diskussion war Lukács einer der unangenehmen Staatsanwälte, das muss ich doch mal hier deutlich sagen.“ (S. 119f.)


Wieland Herzfelde (1896-1988), „der Mann, der schon den Kaiser Wilhelm geärgert hatte.“ (Peter Hacks)

In Herzfeldes „usw.“ liegt alles, was in der DDR nie in der Öffentlichkeit diskutiert, was nur in privatem Kreis erzählt wurde – und das die Wunden, die sich die Kommunisten untereinander geschlagen hatten, noch einmal in besonderer Weise betraf. Stefan Heym schildert das in seinem im Jahr 2000 erschienenen, aber in den sechziger Jahren verfassten Roman „Die Architekten“ am Beispiel des Gulag-Rückkehrers Daniel Tieck, der in Ostberlin auf eine Mauer des Schweigens trifft. In dem „usw.“ scheint auch der Schock auf, der Leute wie Herzfelde befallen haben muss, als sie erkennen mussten, dass die ästhetische Debatte eine ‚auf Leben und Tod‛ sein konnte, dass die Avantgarde tatsächlich an den Rand geschoben und manche ihrer Vertreter auch über diesen hinaus gestoßen wurden. Und gerade weil Herzfelde einer der ‚Alten‛ ist, der von Anfang an dabei war, spricht hier eine historische Autorität, die eben Zeitzeuge war und nicht wie – mit Ausnahme des 1902 geborenen Abusch – die anderen Beteiligten des Gesprächs der sog. Flakhelfer-Generation angehört.
Niemand widersprach Herzfelde, auch Alexander Abusch nicht. Herzfelde, den man ja auch als leicht senilen Wirrkopf hätte abtun können – vieles von dem, was er vor der ausführlich zitierten Passage äußert, ist ja auch eher ein assoziatives Herumschlängeln; nur, er schlängelte sich eben heran –, wurde eher übergangen. Nicht, dass er nicht recht gehabt hätte. Er hatte objektiv recht. Aber es gab da eben nichts zu reden.
In Herzfeldes gesamten Äußerungen während des Gesprächs zeigt sich eine tiefe Verletzung, eine Verletzung aufgrund mangelnder Anerkennung, die auch durch all die Preise und Orden, die wir aufgezählt haben, nicht aufgehoben worden war. Wir enden deshalb mit einem Satz aus einer Rede von Peter Hacks, die dieser anlässlich des 88. Geburtstags Herzfeldes hielt und die uns diese Aufhebung zu vollziehen scheint:

„Die Person in der DDR soll aufstehn und sich melden, die von ihm nie ein Korn gepickt hat.“7

  1. Die Liste der Auszeichnungen, die Wieland Herzfelde in der DDR erhielt ist nahezu endlos. Wir geben sie aus Gründen der Pedanterie und der Anerkennung hier vollständig wieder: 1959 Heinrich-Heine-Preis; 1961 Vaterländischer Verdienstorden in Silber; 1958 Medaille Kämpfer gegen den Faschismus; 1958 Medaille Teilnahme an den bewaffneten Kämpfen 1928-1923; 1961 Ehrennadel der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft in Gold; 1961 Tolstoi-Medaille; 1966 Vaterländischer Verdienstorden in Gold; 1971 Stern der Völkerfreundschaft in Silber; 1971 Johannes-R.-Becher-Medaille in Gold; 1971 Wilhelm-Bracke-Medaille in Gold; 1973 Nationalpreis II. Klasse; 1976 Ehrenspange zum Vaterländischen Verdienstorden in Gold; 1979 Goethepreis der Stadt Berlin; 1981 Karl-Marx-Orden; 1981 Kunstpreis des FDGB; 1986 Ehrenbürgerschaft der Stadt Berlin. [zurück]
  2. Adolf Endler: Dies Sirren. Gespräche mit Renatus Deckert, Göttingen: Wallstein 2010, S. 142f. [zurück]
  3. Ebd. S. 143 [zurück]
  4. Vgl. Zur Realismustheorie von Georg Lukács, 13.3.1978. In: Berlinische Dramaturgie. Gesprächsprotokolle der von Peter Hacks geleiteten Akademiearbeitsgruppen, hg. von Thomas Keck u. Jens Mehrle, Bd. 3, Berlin: Aurora 2010, S. 81-151. Alle Seitenangaben in Klammern beziehen sich hierauf. [zurück]
  5. Gemeint sind hier natürlich Jeans, über die es in der DDR eine lange und absurde Diskussion gab – u.a. anhand des ‚Skandalstücks‛ „Die neuen Leiden des jungen W.“ von Ulrich Plenzdorf“ –, bis Honecker sie schließlich zuließ. Herzfeld vertritt hier immerhin nicht die Meinung, die Jeans sei des Klassenfeindes. Hier ist sie die bösartige Antwort der Unkultur in Reaktion auf die Propagierung der Lukácsschen Ästhetik, was immerhin mal ein Vorwurf ist, der sich gewaschen hat – auch wenn er natürlich völlig krude ist. Man sollte vielleicht an dieser Stelle, im Kleingedruckten anführen, dass während der Sitzungen auch Alkohol getrunken wurde, und dass der liebe Herr Herzfelde diesen wohl in nicht zu geringem Ausmaß genoß. Das schließen wir aus dem schönen Gesprächseinwurf: „Ich habe noch einen Wunsch, das irgend jemand noch die halbe Flasche austrinkt. Ich kann´s nicht mehr.“ (S. 140) [zurück]
  6. Was auch immer das heißen mag. Denn in dem Satz liegt doch was Paradoxes, außer er meint, dass der Dadaismus nicht so kanonisiert worden ist wie beispielsweise Thomas Mann durch Lukács. Die Kanonisierung einer Anti-Regel-Kunst, das ist übrigens ein interessanter Gedanke, und vielleicht lohnt es ja, einmal darüber nachzudenken, ob das nicht heute (außer in den populären Genres, dem Hollywood-Film, dem Groschen-Roman usw., die alle immer noch nach den alten ‚Gesetzen‛ funktionieren) der Fall ist. [zurück]
  7. Peter Hacks: Herzfelde 88. Eine Zwischenbilanz. In: Deutsche Volkszeitung, 27.4.1984 [zurück]

Ein kleine Einstimmung auf das Kleist-Jahr 2011

Die geisteswissenschaftliche Öffentlichkeit liebt Jubiläen. Sie nimmt da niemanden aus – und alle dürfen sich angesprochen fühlen. 2011 ist Kleist-Jahr. 200 Jahre sind es also nun, dass sich der Dichter des rebellischen „Michael Kohlhaas“ und Bearbeiter des „Amphitryon“ im schönen Berlin die Kugel gab.
So ein Jubiläum ist eine tolle Sache, vor allem für die Sachverwalter dessen, was sich in Deutschland immer so schön Kultur schimpft. Bis dass sich also wirklich am 21. November 2011 Kleists Todestag zum zweihundertsten Male jährt, wird es noch einige Konferenzen und Workshops, Ringvorlesungen und wohl vor allem neue Bücher geben. So mancher Kleist-Biograph wird in den Startlöcher stehen und die Verlage dürfen sich freuen, ihren Kleist an den Mann bzw. die Frau zu bringen.
Nichts gegen das Jubiläum. Es gibt ja doch immerhin Anlass, wieder einmal im Kleist zu blättern. Wir blättern also im Kleist und stoßen auf ein kleines Gedicht, das uns vor langer Zeit einmal begegnete und uns wieder in Erinnerung ruft, warum wir Kleist seinerzeit als modernern Hassprediger und Mordbrenner à la Ernst Moritz Arndt abstempelten. Es handelt sich um die 1809 verfasste Ode „Germania an ihre Kinder“, in der es anfangs heißt:

„Die des Maines Regionen, / Die der Elbe heitre Aun, / Die der Donau Strand bewohnen, / Die das Odertal bebaun, / Aus des Rheines Laubensitzen, / Von dem duftgen Mittelmeer, / Von der Riesenberge Spitzen, / Von der Ost- und Nordsee her – !“

Man merkt schon, wer sich hier wohl angesprochen fühlen soll, es sind die lieben Deutschen bzw. die Menschen, in den beschriebenen Regionen, die sich doch nun bitte als solche auffassen sollen, angesprochen von niemand geringerem als Germania selbst. Und so antworten die lieben Deutschen, noch etwas irritiert freilich, dafür aber schon im Chor (dialogisch darf es immerhin zugehen):

„Horcht! Was für ein Ruf, ihr Brüder, / Hallt, dem Donner gleich, hernieder? / Stehst du auf, Germania? / Ist der Tag der Rache da?“

Rache? Welche Rache? Na, die an dem kleinen frechen Franzosen natürlich, der 1806 Preußen besetzte und sich anschickte, ganz Europa seiner Macht zu unterwerfen. Und siehe da, schon fühlt sich die soeben noch unsicher horchende und fragende Menge, der nun von Germania als „Römerüberwinderbrut“ angesprochene Chor, ganz entschlossen, und aus dem zweifelnden „Stehst du auf, Germania?“ wird:

„Zu den Waffen, zu den Waffen! / Was die Hände blindlings raffen! / Mit der Keule, mit dem Stab, / Schlacht, in dein Gefild hinab! […] Schäumt, ein uferloses Meer, / über diese Franken her […] Wer in unheilbaren Wunden / Dieser Fremden Hohn empfunden, / Brüder, wer ein deutscher Mann, / Schließe diesem Kampf sich an!“

Auszug der ostpreu�ischen Landwehr 1813
„Dämmt den Rhein mit ihren Leichen“, rief Kleist den Deutschen zu – im Bild der Auszug der Ostpreußischen Landwehr 1813

Und natürlich kommen sie alle – brav benennt sie Kleist: den „Kaufmann“, den „Denker“, den Bauern (der hier zwangs des Reims „Schnitter“ heißt), und den – na, man kann es sich denken – „Ritter“; und alle fühlen sie sich ganz deutsch.
Damit sie eine rechte Vorstellung vom Wesen des sie erwartenden ‚Befreiungskampfs‘ erhalten, mahnt Germania dann noch einmal und gibt einige kriegspraktische Handlungsanweisungen, welche seitdem kein deutscher Soldat mehr vergessen hat (zumindest im Ersten und Zweiten der großen Kriege, zu denen Germania rief, konnte man sich offenbar noch ganz gut an diese erinnern, wenn man kurzerhand jedes Kriegsrecht als inexistent behandelte):

„Alles, was ihr Fuß betreten, / Färbt mit ihren Knochen weiß / […] Dämmt den Rhein mit ihren Leichen.“

Dagegen ist doch ‚Jeder Stoß ein Franzos‘ fast schon wieder prosaisch! Und selbstverständlich weiß der deutsche Chor, dass seine ‚rheindämmende‘ Arbeit jenseits der selbst eingestandenen „Jagdlust“ dem „heilgem Blut“ der Fürsten dient und die Alternative zu dieser fürstenseligen (Un)Freiheit nur der Tod sein kann. Und natürlich, da ist Kleist eindeutig, muss das ‚Knochenspiel‘, das man den Franzosen angedeihen lassen soll, vor keinem Gericht der Welt gerechtfertigt werden: „Das Weltgericht / Fragt Euch nach den Gründen nicht! […] Droben wird ein Richter messen“, weiß der Chor, der teutsche.

Wohlan! Es ist Kleist-Jahr!