Väter und Söhne (eine Beobachtung nach Freud)

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm –
Das ist der Wiederholungszwang.

Goethes Abschied, oder: Weimar schwärmt für einen Pudel

„Kein Hund darf mit auf das Theater gebracht werden.“
(§ 14, Erneuerte Anordnungen für das Weimarische Theater, 1812)

Goethe sah den Hund und weinte.
Das ist nicht mehr zu ertragen.
Kein Gedanke. Keine Fragen. –
Ich weiß jetzt, was er meinte.

Der Mann mit dem Messer

Berlin-Gesundbrunnen, später Augustnachmittag. Ein Mann steigt in den Wagen der U-Bahn. Keiner guckt hin. Er setzt sich am Ende des Wagens, wo sich jeweils drei Sitze gegenüber befinden, in den äußersten Sitz. An der nächsten Station steigen zwei Touristen zu. Sie reden laut. Niemand beachtet sie. In Berlin beachtet ohnehin niemand niemanden. Die Leute schauen in ihre Zeitungen und elektrischen Geräte. Auf den Mann achtet keiner. Auch nicht, als er jetzt aus seiner Manteltasche ein großes Messer herausholt. Er hält das Messer gegen das Licht und beginnt eine Bierflasche damit zu bearbeiten. Systematisch, so wie man das macht, wenn man ein Messer schärft. Was zur Hölle aber will denn der Mann mit dem Messer? Das fragt sich zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Erst als die beiden Touristen aussteigen und man das Schaben des Messers am Flaschenhals hört, werden die Leute aufmerksam. Was sitzt denn da einer ganz hinten im Abteil und wetzt sein Messer? Was will er denn damit? Und jetzt, als die Leute genauer hinsehen, erkennen sie, dass der Mann ein bisschen abgerissen aussieht. Seine Jahre sind zu lang. Seine Schuhe sind abgelaufen. Und auch sein Mantel hat schon bessere Tage gesehen; überhaupt, ein Mantel im Sommer. Penner + Messer = Stress, denken sie sich. Das ist so eine Kombination, da werden die Leute ganz kirre im Kopf. Da arbeitet die Phantasie. Wird man jetzt Zeuge einer Straftat? Opfer gar? Zwei Dutzend Nackenhaare stellen sich auf. Der Mann merkt davon nichts. Systematisch bearbeitet er sein Messer. Der Stahl erzeugt auf dem Glas ein scharfes, hohes Geräusch. Es vermischt sich mit dem Brummen und Wummern der U-Bahn, die jetzt in den nächsten Bahnhof einfährt. Die Türen gehen auf. Die Panischen steigen aus. Manche von ihnen, formulieren schon im Kopf den Text der Beschwerdemail, die sie den Berliner Verkehrsbetrieben schicken werden (es wird vielleicht nicht die erste sein). Andere sind einfach froh. Man weiß ja nie. Und lieber kein Risiko eingehen. Vorsicht ist die Mutter des Berliner Personennahverkehrs. – Der Mann bearbeitet sein Messer. Die Neuzugestiegenen werden auf ihn aufmerksam. Manche schauen entgeistert. Was will der Mann mit dem Messer? Der Mann schaut nur auf sein Messer. Von links oben nach rechts unten, von rechts oben nach links unten zieht er dass Messer über den abgebrochenen Rand der Flasche. Er sieht auf sein Messer: von links oben nach rechts unten, von rechten oben nach links unten. Pfhhht, pfhhht. Jetzt stockt er. Jetzt schaut er auf. Mit ruhiger Hand überprüft er sein Werk – und trinkt. Der Flaschenhals ist glatt. Er hat die Flasche repariert. „Habt Ihr Luschen gedacht, ich stech Euch ab?“

Höschen statt Röschen

Der Muttertag, so sagen einige böswillige Antikapitalisten, sei eine Erfindung der Blumentrusts. Man will was verkaufen und führt also einen Feiertag ein. (mehr…)

Vivat Arno Schmidt!

Arno Schmidt war verschroben. Aber um wie vieles verschrobener sind seine Anhänger.

Arno Schmidt wäre am 18. Januar diesen Jahres einhundert Jahre alt geworden. Lebte er noch, er würde als boshafter Greis der Gegenwart die Leviten lesen. Stattdessen ist er bereits vor fünfunddreißig Jahren gestorben. Überlebt haben andere, die ähnlich heißen, Helmut Schmidt etwa – das sind so die bösen Greise, die wir heute kennen. (mehr…)