Antidepressiva, denken wir, das sind doch diese Pillen, die Menschen verabreicht werden, um sie ruhig zu stellen. Und die sich Menschen selbst verabreichen – auch um sich ruhig zu stellen. Morgens in Badezimmern geschieht so etwas, oder auf sonnenbeschienenen Terrassen, in Baden Baden zum Beispiel, mittags zum Martini. Von mir aus auch beim Kaffee am Lido, wo man sich sonnenbebrillt und weltbürgerlich ein wenig ‚downt’. Und wenn dann mal, weil die Hand zittert oder die Begleiterin gerade eine ausladende Geste macht, eines dieser kleinen Dinger vom Tisch auf den Boden fällt, ein bisschen kullert und, schwups, im Lido landet – na, da nimmt man eben noch eine. Es gibt da so Vorratspackungen; der Imperialismus ist schließlich eine fortgeschrittene Produktionsweise.
Was die Dinger im Lido und anderen Gewässern mitunter aber so anrichten, darüber hat wohl bisher niemand so richtig nachgedacht, erst recht nicht in Baden Baden.
Niemand? Doch.
Britische Forscher haben nämlich nun in einer Studie festgestellt, dass Garnelen nach dem Verzehr von Antidepressiva ihr natürliches Verhalten ändern und sich statt – wie sonst üblich – vom Licht fernzuhalten, diesem zustreben. Wo sie dann fröhlich von Vögeln und Fischen gefressen werden.
Heerscharen verwirrter Garnelen, die ordentlich ‚gedownt’ dem Licht entgegen schweben. Wir stellen uns vor, wie herrlich leicht sie sich fühlen: heraus aus den dunklen Tiefen zum Licht empor. „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“, ruft die Languste den Hummern zu. Und alle Scampis folgen. Mit ihren kleinen Beinchen stoßen sie träge und strecken die Fühler aus. Nach oben, immer nach oben.
Dass das ein veritables Problem ist, braucht man wohl niemandem zu sagen. Nachdem die eine Hälfte der Garnelen an den Küsten der USA im Öl ertrinkt, begibt sich die andere nun freiwillig in den sicheren Tod. Und beides menschenbeeinflusst. Das Öl und die Antidepressiva, Geißeln der Menschheit, denken wir uns.
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