Dadada, oder: „Dada hat Gott sei Dank seinen Lukács nicht gefunden“ – Wieland Herzfelde im Jahr 1976

„Da da da“ war nicht nur der große Hit der Neuen Deutsche Welle-Formation Trio. Dada oder Dadaismus, das war auch die von Zürich ausgehende, mitten im Ersten Weltkrieg begründete literarische Bewegung, die in einer radikalen Umkehr alles bisher Dagewesenen mit den Konventionen der Kunst und des guten Geschmacks aufräumte. So dichtete Hugo Ball 1916, recht passend zum ‚Gaga‘ der Deutschen in den Schützengräben und an der Heimatfront, seinen Totentanz nach der Melodie des Soldatenliedes „So leben wir“:

„So sterben wir, so sterben wir.
Wir sterben alle Tage,
Weil es so gemütlich sich sterben läßt.
Morgens noch in Schlaf und Traum
Mittags schon dahin.
Abends scho zuunterst im Grabe drin.“


In Balls am 14. Juli 1916 in Zürich vorgetragenem Eröffnungs-Manifest hieß es:

„Dada ist eine neue Kunstrichtung. Das kann man daran erkennen, daß bisher niemand etwas davon wußte und morgen ganz Zürich davon reden wird. Dada stammt aus dem Lexicon. Es ist furchtbar einfach. Im Französischen bedeutets Steckenpferd. Im Deutschen: Addio, steigt mir bitte den Rücken runter, auf Wiedersehen ein ander Mal!“

Und tatsächlich redete man nicht nur in Zürich davon, sondern auch in Berlin. George Grosz und Helmut Herzfeld griffen Balls sowie Richard Huelsenbecks Dadaistisches Manifest auf. (man geht kaum fehl, wenn man den Dadismus eine Kunstrichtung der Manifeste nennt; es gibt über ein Dutzend). Bald entstand auch in Berlin eine Dada-Szene, die – so viel muss zugestanden werden – doch immerhin die Fotomontage als künstlerisches Verfahren hervorbrachte, eine völlig neuartige und, wie man später am Beispiels Helmut Herzfelds, der sich da längst in John Heartfield umbenannt hatte, sehen konnte, durchaus revolutionäre Kunst.

John Heartfields Fotomontagen
Fotomontage John Heartfields

Mit im Boot war auch dessen Bruder Wieland Herzfeld (der seinem Nachnamen, weil es auch einfach schöner klingt, ein ‚e‛ anhing), der dazu aufrief „Dadamunden“ zu sprechen und die „mistverpichten Präpipister [zu] töteln“, zahlreiche Nonsens-Gedichte im Geiste der Verweigerung jeglicher Autorirät schrieb und im Dada-Jahr 1916 schließlich die Zeitschrift „Neue Jugend“ gründete – welche die Regierung sofort verbot. Damit aber, so scheint‛s, hatte der Dichter Herzfelde seine Profession gefunden. 1917 gründete er den sagenumwobenen Malik-Verlag, der bald zu einem der führenden linken Verlage der Weimarer Republik aufstieg und sich rühmen darf, die Deutschen mit Upton Sinclair und Jon Dos Passos bekannt gemacht zu haben (mal ganz abgesehen von den grafischen Standards, die John Heartfield und Georg Grosz setzten). Die Weimarer Zeit war für Herzfelde eine recht bewegende; und sie endete für ihn wie für die meisten Kommunisten und Sozialdemokraten (ja selbst für solche Knallchargen wie Gustav Noske) in der Katastrophe. Über Prag und London führte Herzfelde der Weg nach New York, wo er 1944 den Aurora-Verlag ins Leben rief und eifrig die Literatur des antifaschistischen Exils verlegte.
1949 kehrte er aus dem Exil zurück und ging, wie jeder halbwegs vernünftige Mensch seinerzeit, in die Deutsche Demokratische Republik, die „Diktatur der Opfer“, wie Friedrich Dieckmann einmal ganz richtig formulierte. Dortselbst mit einem Professorentitel bekränzt, man tat schließlich was für seine Leute1, lehrte er erst an der Universität Leipzig und dann am 1955 gegründeten Literaturinstitut. In einem 2010 erschienen Gesprächsband erinnert sich Adolf Endler, Studierender des ersten Jahrgangs, an die Lehrer des Instituts und beschreibt Herzfelde als einen der

„langweiligste[n] und dogmatischste[n]“ Lehrer und als einen der schlimmsten Stalinisten, „der in seinen Seminaren in unsäglicher Weise über die amerikanische Literatur hergezogen ist. Auch er wollte von den stalinistischen Verbrechen nicht wissen, auch später nicht.“2

Der letzte Teil des Satzes stimmt nicht ganz, auch wenn Endler durchaus versteht, was in den fünfziger Jahren gerade bei so ‚altgedienten‛ Genossen wie Herzfelde, der noch am Tag der Gründung der KPD deren Mitglied geworden war, vorging: „Später ist mir dann klar geworden, dass dieser Mann Angst hatte.“3 Man sollte das nicht unterschätzen. Immerhin waren vor nicht allzu langer Zeit Wilhelm Zaisser und Rudolf Hernstadt weggemäht worden, und die Prozesse gegen Harich und Co., die Ende 1956 verhaftet wurden, waren in vollem Gange.
Wie so oft aber – was jedoch nun wirklich ein anderes Kapitel ist – beschreibt Endler in seiner Äußerung nicht den ganzen Sachverhalt. Denn Wieland Herzfelde wollte von den stalinistischen Verbrechen später durchaus noch etwas wissen. Und was er auch immer gewesen sein mag, ein Stalinist war er gewiss nie. Das bringt uns zum eigentlichen Anlass dieses kleinen Textes. Sie entschuldigen die umständliche Einleitung, gell?
Am 13. März 1978 saßen in der Akademie der Künste der DDR, Robert-Koch-Platz Nr. 7, direkt bei der Charité, neun Männer und eine Frau beisammen und sprachen über Georg Lukács und dessen Realismustheorie. So lautete zumindest der Titel der Veranstaltung, die im Rahmen der von Peter Hacks begründeten Akademie-Arbeitsgruppe Ästhetik stattfand und an der neben den führenden Literaturwissenschaftlern Werner Mittenzwei und Robert Weimann auch der Philosoph Wolfgang Harich, der ehemalige Kulturminister Alexander Abusch sowie die SchriftstellerInnen Helmut Baierl, Peter Hacks, Rainer Kerndl, Günther Rücker, Anna Elisabeth Wiede und last but not least eben auch Wieland Herzfelde teilnahmen; eine illustre Runde also.4
Herzfelde, der im April 1976 bereits zweiundachtzig Lenze zählte, spielt in diesem Gespräch eine besondere Rolle. Denn während die anderen den ja durchaus ehrenwerten Versuch unternahmen, sich über die literaturgeschichtliche Rolle Lukács und dessen ästhetische Theorie zu verständigen, sprach Herzfelde über seine ganz eigenen Erfahrungen mit dem Spiritus rector der marxistischen Literaturtheorie nach 1945.
Es beginnt damit, dass Wolfgang Harich äußert, er sei der Ansicht, Lukács habe den „Bedingungen in der damaligen Zeit“ – gemeint ist natürlich der Stalinismus – „doch eben das Beste abgerungen“, woraufhin Herzfelde trocken einwirft: „Ich nicht.“ (102) Und wenig später antwortet der ehemalige Dadaist auf die Frage Peter Hacks‛, was es denn sei, was Lukács verkannt habe „und was wir doch so dringend brauchen und hervorgebracht haben“?: „Brecht, Heartfield, Grosz. Ich nenne Brecht, Heartfield, Grosz zum Beispiel.“
Das ist der Auftakt. Wieland Herzfelde hat sich warmgelaufen, könnte man sagen. Denn Herzfelde spricht, und das macht er sofort und unmissverständlich klar, indem er betont, dass der elf Jahre ältere Lukács ja eher ein Zeitgenosse von ihm war, über sein persönliches Verhältnis zu Lukács (und meint damit nun eben nicht, was einem so zu einem einfällt, wenn man ein bisschen nachdenkt, also beispielsweise mein persönliches Verhältnis zu Franz Mehring, oder so).
Herzfeldes persönliches Verhältnis zu Lukács war kein positives. Schon mit „Geschichte und Klassenbewusstsein“, der Schrift, mit welcher Lukács in den zwanziger Jahren in marxistischen Kreisen bekannt wurde, war er nicht einverstanden; überhaupt mit dessen ganzer Theorie nicht. Schon damals habe er das, was Lukács „über Literatur sagte, und vielmehr das, was er nicht sagte“, nicht ohne Weiteres schlucken können, „auch heute nicht“. (S. 115) Als er in den fünfziger Jahren in Leipzig gelehrt habe, sei er mit dieser „Art Bibel“ konfrontiert worden, „die im Gegensatz zur wirklichen Bibel bedeutend umfangreicher war“ und welche „unsere heutigen Lehrer unserer Kinder auch noch gelesen und gelernt haben“. Und diese ‚Bibel‛ – gemeint sind Lukács Schriften aus den dreißiger und vierziger Jahren, die in der DDR nach 1945 in großer Auflage erschienen und im eigentlichen Sinne des Wortes Kanon als festgesetzte Ordnung galten, weiter gefasst: Lukács auf dem Boden der Volksfrontstrategie aufgerichtete ästhetische Theorie, die auf eine Ausgrenzung der links-avantgardistischen Literatur zugunsten der Klassik und des bürgerlichen Realismus hinauslief –, diese Bibel also habe letztlich Folgen gehabt, mit welcher die DDR heute zu kämpfen habe:

„Und das rächt sich natürlich in Form von blauen Hosen mit Fransen dran und schmutzig. Also das ist die Rache für diese Art Unterricht.“ (115)5

Sodann wirft Herzfelde Lukács vor, den Roman einseitig zur zentralen Gattung erhoben und die kleineren Genres wie die Lyrik oder auch alltagsnahere Literatur wie etwa die Kalendergeschichten Hebels in Misskredit gezogen, ja einem „Aberglauben an den Roman“ das Wort geredet zu haben (S. 117), dieser völlig überschätzten Gattung, die im ausgehenden 18. Jahrhundert aufgekommen sei, um reichen Damen die Zeit zu vertreiben. – Sie sehen schon, hier wird es ein wenig wirr, auch wenn Herzfelde genealogisch nicht so unrecht haben mag. Aber Herzfelde arbeitet sich tapfer voran. Sicherlich müsse man Lukács auch „eine gewisse Gerechtigkeit“ (S. 117) angedeihen lassen, nur: es dürfe halt nie wieder so weit kommen wie damals an der Universität, als der ehemalige Dadaist Herzfelde mehr oder weniger gezwungen war, Lukács zu unterrichten und … – dann kommt noch eine Schleife, Wieland spricht über seinen Bruder, dessen Klassenverbundenheit, das Bahnbrechende der Fotomontage, erzählt wieder von sich – Sie sehen schon, er kommt ganz schön ins Schwatzen –, wie sie ihn damals „Progreß-Dada“ genannt haben, „weil ich eben für den Fortschritt war“ und dass Dada „Gott sei Dank seinen Lukács nicht gefunden“ (S. 119) habe6 und über El Lissitzky, der die Grafik revolutionierte … und dann, dann ist er da, wo er hin will:

„Ich wollte nur eines sagen: Dem Heartfield und auch mir und auch Becher, weil er in seiner frühen Jugend expressionistische Gedichte geschrieben hat, und vielen anderen ist diese Diskussion sehr schlecht bekommen und es ist nicht so ohne weiteres von der Hand zu weisen, daß sie manchmal sogar lebensgefährlich war. Ich will jetzt nicht auf Einzelheiten gewisser Prozesse usw. eingehen, und auch schlichter Verhaftungen ohne Prozesse usw. Jedenfalls war das eine Diskussion auf Leben und Tod, […] und in dieser Diskussion war Lukács einer der unangenehmen Staatsanwälte, das muss ich doch mal hier deutlich sagen.“ (S. 119f.)


Wieland Herzfelde (1896-1988), „der Mann, der schon den Kaiser Wilhelm geärgert hatte.“ (Peter Hacks)

In Herzfeldes „usw.“ liegt alles, was in der DDR nie in der Öffentlichkeit diskutiert, was nur in privatem Kreis erzählt wurde – und das die Wunden, die sich die Kommunisten untereinander geschlagen hatten, noch einmal in besonderer Weise betraf. Stefan Heym schildert das in seinem im Jahr 2000 erschienenen, aber in den sechziger Jahren verfassten Roman „Die Architekten“ am Beispiel des Gulag-Rückkehrers Daniel Tieck, der in Ostberlin auf eine Mauer des Schweigens trifft. In dem „usw.“ scheint auch der Schock auf, der Leute wie Herzfelde befallen haben muss, als sie erkennen mussten, dass die ästhetische Debatte eine ‚auf Leben und Tod‛ sein konnte, dass die Avantgarde tatsächlich an den Rand geschoben und manche ihrer Vertreter auch über diesen hinaus gestoßen wurden. Und gerade weil Herzfelde einer der ‚Alten‛ ist, der von Anfang an dabei war, spricht hier eine historische Autorität, die eben Zeitzeuge war und nicht wie – mit Ausnahme des 1902 geborenen Abusch – die anderen Beteiligten des Gesprächs der sog. Flakhelfer-Generation angehört.
Niemand widersprach Herzfelde, auch Alexander Abusch nicht. Herzfelde, den man ja auch als leicht senilen Wirrkopf hätte abtun können – vieles von dem, was er vor der ausführlich zitierten Passage äußert, ist ja auch eher ein assoziatives Herumschlängeln; nur, er schlängelte sich eben heran –, wurde eher übergangen. Nicht, dass er nicht recht gehabt hätte. Er hatte objektiv recht. Aber es gab da eben nichts zu reden.
In Herzfeldes gesamten Äußerungen während des Gesprächs zeigt sich eine tiefe Verletzung, eine Verletzung aufgrund mangelnder Anerkennung, die auch durch all die Preise und Orden, die wir aufgezählt haben, nicht aufgehoben worden war. Wir enden deshalb mit einem Satz aus einer Rede von Peter Hacks, die dieser anlässlich des 88. Geburtstags Herzfeldes hielt und die uns diese Aufhebung zu vollziehen scheint:

„Die Person in der DDR soll aufstehn und sich melden, die von ihm nie ein Korn gepickt hat.“7

  1. Die Liste der Auszeichnungen, die Wieland Herzfelde in der DDR erhielt ist nahezu endlos. Wir geben sie aus Gründen der Pedanterie und der Anerkennung hier vollständig wieder: 1959 Heinrich-Heine-Preis; 1961 Vaterländischer Verdienstorden in Silber; 1958 Medaille Kämpfer gegen den Faschismus; 1958 Medaille Teilnahme an den bewaffneten Kämpfen 1928-1923; 1961 Ehrennadel der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft in Gold; 1961 Tolstoi-Medaille; 1966 Vaterländischer Verdienstorden in Gold; 1971 Stern der Völkerfreundschaft in Silber; 1971 Johannes-R.-Becher-Medaille in Gold; 1971 Wilhelm-Bracke-Medaille in Gold; 1973 Nationalpreis II. Klasse; 1976 Ehrenspange zum Vaterländischen Verdienstorden in Gold; 1979 Goethepreis der Stadt Berlin; 1981 Karl-Marx-Orden; 1981 Kunstpreis des FDGB; 1986 Ehrenbürgerschaft der Stadt Berlin. [zurück]
  2. Adolf Endler: Dies Sirren. Gespräche mit Renatus Deckert, Göttingen: Wallstein 2010, S. 142f. [zurück]
  3. Ebd. S. 143 [zurück]
  4. Vgl. Zur Realismustheorie von Georg Lukács, 13.3.1978. In: Berlinische Dramaturgie. Gesprächsprotokolle der von Peter Hacks geleiteten Akademiearbeitsgruppen, hg. von Thomas Keck u. Jens Mehrle, Bd. 3, Berlin: Aurora 2010, S. 81-151. Alle Seitenangaben in Klammern beziehen sich hierauf. [zurück]
  5. Gemeint sind hier natürlich Jeans, über die es in der DDR eine lange und absurde Diskussion gab – u.a. anhand des ‚Skandalstücks‛ „Die neuen Leiden des jungen W.“ von Ulrich Plenzdorf“ –, bis Honecker sie schließlich zuließ. Herzfeld vertritt hier immerhin nicht die Meinung, die Jeans sei des Klassenfeindes. Hier ist sie die bösartige Antwort der Unkultur in Reaktion auf die Propagierung der Lukácsschen Ästhetik, was immerhin mal ein Vorwurf ist, der sich gewaschen hat – auch wenn er natürlich völlig krude ist. Man sollte vielleicht an dieser Stelle, im Kleingedruckten anführen, dass während der Sitzungen auch Alkohol getrunken wurde, und dass der liebe Herr Herzfelde diesen wohl in nicht zu geringem Ausmaß genoß. Das schließen wir aus dem schönen Gesprächseinwurf: „Ich habe noch einen Wunsch, das irgend jemand noch die halbe Flasche austrinkt. Ich kann´s nicht mehr.“ (S. 140) [zurück]
  6. Was auch immer das heißen mag. Denn in dem Satz liegt doch was Paradoxes, außer er meint, dass der Dadaismus nicht so kanonisiert worden ist wie beispielsweise Thomas Mann durch Lukács. Die Kanonisierung einer Anti-Regel-Kunst, das ist übrigens ein interessanter Gedanke, und vielleicht lohnt es ja, einmal darüber nachzudenken, ob das nicht heute (außer in den populären Genres, dem Hollywood-Film, dem Groschen-Roman usw., die alle immer noch nach den alten ‚Gesetzen‛ funktionieren) der Fall ist. [zurück]
  7. Peter Hacks: Herzfelde 88. Eine Zwischenbilanz. In: Deutsche Volkszeitung, 27.4.1984 [zurück]