Der Märchenerzähler ist da

Jüngst war ich mit einer lieben Bekannten in Beeskow, um mir eine Ausstellung anzusehen. Ein Besuch Beeskows, man muss das hier laut und vernehmlich sagen, lohnt sehr. Denn diese durchaus reizende Kleinstadt im Oder-Spree-Kreis hat etwas zu bieten, das einzigartig ist: das Kunstarchiv Beeskow, eine Sammlung ehemaliger DDR-Kunst, insgesamt 23.000 Objekte, von denen immer wieder einige für Ausstellungen ausgewählt und kompiliert werden.
Zurzeit und bis Mai 2011 ist auf Burg Beeskow noch die Ausstellung „BilderBühnen. Leinwandszenen aus dem Kunstarchiv Beeskow 1978 bis 1988“ zu sehen; späte, bisweilen verstörende DDR-Kunst, die ein ganz anderes Bild transportiert, als dasjenige, welches ganz spontan entsteht, wenn man daran denkt, dass die Sammlung des Kunstarchivs Beeskow aus „Erholungsheime[n], Schulungszentren, Geschäftsstellen, Gästehäuser[n] oder Speisesäle[n]“ sowie manchem Parteibüro stammt.
Zwar gibt es auch einige Bilder, die kaum den Erwartungshorizont sprengen, wie beispielsweise Willi Sittes anklagendes Bild „Apartheid“, das zu einer ganzen Reihe von Bildern zu Südafrika gehört, mit dem sich Sitte seit dem Aufstand von Soweto verstärkt beschäftigte.

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Willi Sitte: Apartheid (1986)

Der Großteil der Ausstellung zeigt aber Bilder, welche solche nahezu klassischen antiimperialistischen Sujets verlassen. Bilder wie beispielsweise „Der dritte Versuch“ von Thomas Ziegler, vor denen man in dem großen und hinsichtlich des Lichts seht angenehmen Ausstellungsraum stundenlang stehen könnte.

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Thomas Ziegler: Der dritte Versuch (1983)

Am meisten hat es uns aber ein Bild Andreas Schmidts namens „Der Märchenerzähler ist da“ angetan, über welches es im Ausstellungskatalog kurioserweise heißt, dass „gesellschaftliche Dimensionen“ in diesem ausgeklammert blieben.1 Das Bild zeigt eine relativ alltägliche Szene in einem Kindergarten oder einem Kinderhort. Um einen Vorleser herum, der auf einem Tisch sitzt, haben sich die Kinder gruppiert. Man sieht die Kinder von vorn, ihre Gesichter allerdings nur schemenhaft. Sie scheinen interessiert zuzuhören, ein Kind hat die Hand an den Kopf gehoben, eine Geste der Aufmerksamkeit und der Konzentration. Links oben an der Wand hängt ein Kind rücklings über dieser, die Hände im Nacken verschränkt.
Den Erzähler aber sehen wir nur von hinten. Er, der unter gelben Lampions sitzt, die aussehen wie Zitronenscheiben, steht ganz im Zentrum des Bildes. Während die Wände rot gehalten sind und auch die Kinder farblich kaum hervorstechen, trägt er einen grünen langen Mantel und eine grüne Kappe, die deutlich als die Narrenkappe des Till Eulenspiegel gekennzeichnet ist. Die Schellen der Kappe hängen aber nicht seitwärts am Kopf herunter, sondern stehen aufrecht, was dem Bild eine eigenartige Bewegung verleiht, während die ganze Atmosphäre doch eher Ruhe ausstrahlt – bedächtiges Vorlesen und ruhiges Zuhören.
Rechts neben dem Vorleser, ganz nahe am Tisch, steht ein Kind, die Hände auf eine Stuhllehne gestützt, den Kopf leicht nach unten geneigt. Dieses Kind ist im Gegensatz zu den anderen farblich am deutlichsten markiert. Die Mimik des Kindes ist kaum zu ergründen, so wie auch die ganze Stimmung des Bildes.

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Während die Bekannte und ich uns über viele der anderen Bilder schnell einig wurden, ein wenig herumrätselten, aber doch im wesentlichen zu den gleichen Ergebnissen kamen, entstand hier Streit. Denn es ist nicht nur der stehende Junge, in welchem ich eine Büßerhaltung erkennen man, als werde er von einer Autoritätsperson gemaßregelt, stumm stehend, eine Strafpredigt über sich ergehen lassend, es ist auch der Vorleser selbst, der etwas Unheimliches ausstrahlt. Schon der Umstand, dass wir ihn nicht sehen, lädt den Betrachter natürlich ein, der Gestalt, die da in solch seltsamer Verkleidung sitzt, ein Gesicht beizugesellen.
Was liest er wohl vor? Und liest er überhaupt vor? Hatdas Buch, das er hält, nicht nur weiße Blätter? Was ist das also für eine Situation? „Der Märchenerzähler ist da“, so scheint mir, ist auch kaum ein eindeutiger Titel. Die Syntax mutet komisch an. Ist das ein einfacher Aussagesatz, oder könnte man auch ein Ausrufezeichen dahinter setzen?

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Andreas Schmidt: Der Märchenerzähler ist da (1985)

Was auch immer dieses mich faszinierende Bild aussagen mag, ich würde es in keinen Kindergarten hängen und in kein Kinderzimmer. Im Katalog heißt es über den Maler Andreas Schmidt, er sei ein „sonnenhungriger Romantiker“ gewesen und habe eine „sonnenkindhafte“ Neigung gezeigt. Wo Licht ist, da ist auch Schatten. Ist es komisch, dass ich in diesem Bild eher die Schatten sehe?

  1. BilderBühnen. Leinwandszenen aus dem Kunstarchiv Beeskow 1978 bis 1988, hg. von Simone Tippach-Schneider, Beeskow 2010, S,. 58 [zurück]