Müller-Montag. Heiner-Müller-Bibliographie

Wie stellt man eine Bibliographie vor? Ist das nicht eine skurrile Idee? Geht das überhaupt? Die Internationale Heiner-Müller-Gesellschaft, die im Literaturforum im Brecht-Haus regelmäßig den sogenannten Müller-Montag veranstaltet, hat es versucht. Herausgekommen sind zweieinhalb Stunden Langeweile, eine Zeitverschwendung allererster Güte.

Wenn nach Müller vielleicht die Kunst enttäuschen darf, die Wissenschaft sollte es nicht. Vor allem nicht, wenn sie einmal nicht interpretiert, sondern zu den Ursprüngen der Philologie zurückkehrt und positive Fakten, Literaturangaben, sammelt. Eine Bibliographie ist ein hilfswissenschaftliches Mittel, das die Recherche erleichtert, das Orientierung gibt. Wer eine Personalbibliographie in die Hand nimmt, hat sich entschlossen, über einen bestimmten Text zu arbeiten; die Bibliographie bietet ihm eine Liste von Aufsätzen, die zu dem Text publiziert wurden, sie gibt Informationen über die verschiedenen Publikationsorte und Auflagen des Textes. Wer eine Veranstaltung besucht, auf der eine Bibliographie vorgestellt wird, möchte also vielleicht etwas über den Entstehungsprozess der Bibliographie erfahren, über die spezifischen Probleme, die sich aus dem jeweiligen Material ergeben (also bei Müller etwa die Frage der Gattungsgrenzen). Wer aber jene Veranstaltung besucht hat, die hier zur Rede steht, erfuhr noch einiges mehr, nur eben leider schon längst Bekanntes.

Der Abend beginnt pünktlich um 20 Uhr mit einer Verwunderung. Neben Florian Vaßen, dem verdienstvollen ‚Verfasser‘ der neuen Heiner-Müller-Bibliographie (erschienen bei Aisthesis), sitzt Bernd Klaus Tragelehn, Regisseur, ehemaliger Müller-Freund und Vorsitzender der Müller-Gesellschaft, neben diesem der Schauspieler Hermann Beyer, und neben diesem, der Verleger des Aisthesis Verlags, Detlev Kopp, in dem die Bibliographie erschienen ist. Bevor nun diese illustre Runde den Abend beginnt, werden dem staunenden Publikum aber noch zwei weitere Menschen vorgestellt: Anja Quickert, die Geschäftsführerin der Müller-Stiftung sowie Thomas Buchholz. Letzterer ist Komponist und steuert einige Kompositionen für Chöre zu der Veranstaltung bei, wie Frau Quickert erzählt. Diese Kompositionen heißen Torsi; und spätestens jetzt weiß man, dass man einen Fehler gemacht hat. Man hat der Neugierde nachgegeben, herauszufinden, wie man eine Bibliographie vorstellt. Und zur Strafe ist man in einem Veranstaltungstorso gelandet und wird nun ‚torsiert‘.

Zunächst spricht Florian Vaßen, d.h. er trägt vor. Wer sich einmal in bisschen intensiver mit Müller beschäftigt hat, kann eigentlich jetzt schon abschalten. Denn Vaßen gibt nur vor über die Bibliographie zu sprechen. In Wahrheit erzählt er dem Publikum einfach noch einmal, wie Müllers Poetik funktioniert, was sein Theaterbegriff war usw. usf., und das mit den allbekannten Zitaten. Nach dieser fast dreißigminütigen abgelesenen und pointenfreien Rede trägt der Schauspieler einen bekannten Text Müllers aus den 1970er Jahren vor, offenbar in Ermangelung eines neueren Textfundes (und im Widerspruch zur Veranstaltungsankündigung, die „weitgehend unbekannte Texte“ Müllers versprach). Sodann spricht der Verleger. Verleger sind gutmütige Menschen. Sie wollen die Literatur befördern (sie sichert ja ihr Brot) und sie lieben die Autoren. Deshalb berichtet Herr Kopp auch erst einmal von seiner persönlichen Begegnung mit Heiner Müller. Es war nur eine, sie trug sich zu in einer westdeutschen Großstadt: der Verleger, der den Autor auf der Straße erkannte, stellte sich ihm in den Weg und erzählte ihm etwas über den Grabbe-Preis für Nachwuchsdramatik. Der Autor, den das nicht interessierte, fragte den Verleger daraufhin, ob er wisse, wo in der Stadt ein Spielzeuggeschäft existiere, er wolle ein Spielzeug für seine Tochter kaufen. Jetzt ist der Moment gekommen, wo man den Fehler, den man gemacht hat bereut, auch weil man erkennen muss, dass man nicht nahe genug an der Tür sitzt, um zu entfliehen. Wer das Literaturforum kennt, weiß: wer am Ende des schlauchartigen Raumes sitzt, hat verloren.

Der Verleger erzählt dann immerhin noch etwas über Bibliographien, wie die sich so verkaufen, warum man sie überhaupt noch als Buch und nicht direkt online publiziert, wann die neue Müller-Bibliographie online gestellt werden könnte usw. Man ist beruhigt. Es geht tatsächlich ums Thema. Zufriedenheit stellt sich ein.

Dann kommt der Musiker. Doch bevor der erste „Torso“ abgespielt wird, erzählt auch Thomas Buchholz von seiner persönlichen Begegnung mit Müller. Zudem erfahren wir noch, in welch schwierigen privaten Umständen die Lieder entstanden sind. Und als dann endlich das erste Lied kommt – es folgen im Laufe des Abends noch weitere – kann man die Schwierigkeit der Entstehungssituation am eigenen Leibe nachempfinden. Ein Chor singt einen Text, den man nicht versteht, sehr gedehnt, sehr gequält; sehr gequält. Der Applaus ist verhalten, höflich. Nun setzt der Schauspieler wieder ein. Und schließlich spricht B.K. Tragelehn, Regisseur der legendären Uraufführung der „Umsiedlerin“ (1961). Er trägt aus dem Protokoll eines Gesprächs aus den 1990er Jahren vor, das bis jetzt nur auf Englisch publiziert worden ist. Wie immer hält sich der expressive Charakter Tragelehns wenig an den Text. Er trägt ihn zwar vor, aber er kommentiert ihn gleichzeitig auch, unterbricht sich selbst, unterbricht Florian Vaßen, der, die Zeit im Blick, versucht Tragelehn zu stoppen. Es ist eine nahezu anrührendes Bild, wie Vaßen mit Tragelehn ringt. Wer Tragelehn kennt, wer ihn schon einmal öffentlich hat sprechen hören, weiß, wie schwer es ist, diesen Mann zu unterbrechen, wenn er einmal in Fahrt, sprich: in Erzähllaune gekommen ist – da wird mit Anekdoten scharf geschossen.

Als auch dieser Teil des Abends absolviert ist und die Hoffnung keimt, man dürfe nun endlich nach Hause, ergreift noch einmal Herr Vaßen das Wort. Er wisse ja nicht recht, ob alle Anwesenden des Französischen mächtig seien. Er werde nun in jedem Falle und ganz unabhängig davon, ob es denn verstanden würde, aus einen französischen Interview mit Müller vortragen. Können Sie französisch? Ich nicht. Und so endete der Abend passenderweise im Unverständnis, wozu auch die restlichen Lieder des Komponisten ihren Beitrag leisteten.

Mein Tipp: Glauben Sie keinen Veranstaltungsankündigungen. Zügeln Sie Ihre Neugier. Machen Sie, wenn demnächst eine Ernst-Jandl-, Wieland-Herzfelde oder Wolfgang-Herrndorf-Bibliographie in Ihrer Stadt vorgestellt wird, etwas anderes. Nutzen Sie Ihre Zeit. Es gibt so viele schöne Dinge. Vielleicht gehen Sie einfach einmal wieder ins Kabarett.