Vivat Arno Schmidt!

Arno Schmidt war verschroben. Aber um wie vieles verschrobener sind seine Anhänger.

Arno Schmidt wäre am 18. Januar diesen Jahres einhundert Jahre alt geworden. Lebte er noch, er würde als boshafter Greis der Gegenwart die Leviten lesen. Stattdessen ist er bereits vor fünfunddreißig Jahren gestorben. Überlebt haben andere, die ähnlich heißen, Helmut Schmidt etwa – das sind so die bösen Greise, die wir heute kennen. Im Gegensatz zu diesem Schmidt war der Arno Schmidt nicht nur ein hervorragender Schriftsteller, sondern auch bei Vernunft. Arno Schmidt lesen, vor allem die kleineren Texte aus den späten 1950er Jahren, ist eine Freude. Von Napoleon hört man dort nur Gutes und die Französische Revolution, die das Bürgertum in den letzten Jahren, was sag ich: Jahrzehnten, auch schon wieder in Grund und Boden geschrieben hat, trägt dort den schönen Titel „die große Französische Revolution von 1789“. Noch schöner dünkt uns der Zusatz: „Messieurs, wir erheben uns von den Plätzen!“1

Erheben wir uns also von den Plätzen, um dem Jubilar zu gratulieren. Und tun wir dies, indem wir eine Anekdote zum Besten geben, die bereits dessen Nachleben betrifft und uns davon unterrichtet, wie wenig einer für seine Nachlassverwalter kann. Die Anekdote handelt von einem anderen Schriftsteller, der sich im Urteil mit Schmidt über den freien Westen – „man vergesse doch nicht, daß eben dieser Westen seit 200 Jahren seinen Namen in ganz Asien und Afrika stinkend machte“, heißt es bei Schmidt2 – einig wusste, dessen Meinung über den anderen Erdteil zur Zeit des Kalten Krieges aber weitaus besser war als die Schmidtsche, Peter Hacks nämlich. Dieser DDR-Dramatiker war ein bekennender Sympathisant Schmidts, auch wenn er an dem vieles rätselhaft fand. Eindeutig ist Hacks in seinem Urteil über den Romancier: „Der beste deutsche Epiker der zweiten Jahrhunderthälfte“. Auch spart Hacks nicht mit schmückenden Worten. Von einem „Riesengehirn“ und einer „Riesenmaschine“, die ein „Riesenwerk“ hervorgebracht hätten, ist bei ihm zu lesen. Das größte Lob aber streut er fast nebenbei aus, wenn er Schmidt das Bedürfnis attestiert, „die Leserschaft bei Leselaune zu halten“3, haben, nach Meinung Hacksʼ, die meisten modernen Autoren einen solchen Anspruch doch längst aufgegeben.

Wir stellen fest: Hacks mochte Schmidt. Das ist ja nicht ungewöhnlich; ein Schriftsteller mag den anderen, man schreibt übereinander. Eine der bevorrechteten Gattungen in dieser Hinsicht ist das Gedicht. Auf wenig Raum bietet es die Gelegenheit, den anderen zu loben und dessen Eigenart hervorzuheben. Hacks, der Dramatiker, schrieb auch Gedichte, im Laufe seines Lebens und seiner steigenden Verdrießlichkeit ob des Weltlaufs (gemeint ist der Untergangs des Sozialismus) sogar immer mehr – und seit 1998 veröffentlichte er diese (zu Freud und Leid der Leserschaft) in der Zeitschrift konkret. Just dort erschien in Heft neun des des genannten Jahres auch ein Gedicht über Arno Schmidt, eine Liebeserklärung mit Abgründen, residiert in Bargfeld doch seit des Dichters Ableben die nach ihm benannte Stiftung:

Pilgerreise nach Bargfeld

Das reiche Dorf, beschaulich und behäbig,
Hat seine Slums. Das ich zu sehn verlange,
Das Schmidtsche Hüttchen, unvorstellbar schäbig
Hockt es, nah dem Verfall, am Ortsausgange

Im Zwergengarten, schauderhaft umstanden
Mit gottbewahrmich Tannen. Überdies
Ist von Zement ein Bunkerchen vorhanden.
Zum Glück, die Wohnung stört nicht des Genies.

Denn vor dem Schandfleck ragt, gefügt aus Klinkern,
Ein niedersächsisch festes Bauernhaus,
Mit Schmocks bevölkert, Wichtigtuern, Trinkern.
Die Stiftung ist der Inhaber des Baus.
Dem Original der Mangel und die Ehren.
Das Wohlleben gehört dem Sekundären.4

Der Redaktion der Zeitschrift konkret, die sich nicht nur Peter Hacks, sondern auch Arno Schmidt verbunden weiß, war nicht entgangen, dass Hacksʼ Gedicht mehr als nur einen Seitenhieb gegen die seit dem November 1981 unter dem Dach der Arno-Schmidt-Stiftung organisierte Schmidt-Philologie enthält. Sie entschied daher, das Gedicht Bernd Rauschenbach, dem Sekretär der Stiftung, vorzulegen und diesem die Möglichkeit eines Kommentars zu geben. Im Nachhinein muss man sagen, sie hätte das nicht tun sollen, im Interesse von Herrn Rauschenbach wie auch der Stiftung. Denn sicherlich wäre Hacksʼ böser Kommentar mehr oder weniger unbemerkt in den unendlichen Kellern der Literaturgeschichte verschwunden. Durch Herrn Rauschenbachs Antwort an die Redaktion aber war aus dem Gedicht mehr geworden als nur ein Gedicht, ein beispielhafter Fall philologischer Idiotie nämlich und eben der Beweis des Schmockhaften, also Journalistischen, das Hacks den Vertretern der Stiftung unterstellt.

Bernd Rauschenbachs Antwort an Hacks ist nicht zimperlich. Sie geht, wie wir Kegler sagen, direkt in die Vollen. Nachdem Rauschenbach die ‚Schmocks‘, d.h. die MitarbeiterInnen der Stiftung aufgezählt hat, fragt er entschieden: „Wer oder was gibt Ihnen, Herr Hacks, eigentlich das Recht, Ihnen unbekannte Menschen derart flegelhaft zu beleidigen?“5 Dann macht sich der Philologe daran, das Gedicht zu widerlegen. Denn, man höre und staune, es stimmt ja nicht, was Hacks da behauptet! Und geht denn das, falsche Fakten in einem Gedicht?

Bargfeld ein »reiches Dorf«? Das wird die paar Bauern, die sich hier noch über Wasser halten können, erfreuen, ebenso die Samtgemeindeverwaltung, die gar nicht weiß wohin mit den riesigen Steuereinnahmen aus Bargfeld, oder die arbeitslosen VW-Arbeiter. – Im Gegensatz dazu also das »Hüttchen« Schmidts unvorstellbar schäbig und dem Verfall nah, ein Schandfleck, der hinfort mit den Favelas Rio de Janeiros oder den Slums der South Bronx in einem Atemzug genannt werden muß. Gut, das kleine Haus (1948 als »Behelfsheim« von schlesischen Flüchtlingen gebaut) ist ärmlich-bescheiden, und es schäbig, nein: »unvorstellbar schäbig« zu nennen, mag mehr über den Wohnstil eines Nationalpreisträgers der DDR als über das Haus aussagen – aber wo, bitte, soll der Verfall sein? Das Haus wird von besagter Frau Knop liebevoll gepflegt und – wie jedermann sehen kann – in tadellosem Zustand erhalten. – Ob es »am Ortsausgange« liegt – Verzeihung: »hockt«, darüber immerhin könnte man streiten, Ortskundige jedenfalls würden die Ortsausgänge eher an den drei asphaltierten Straßen als an dem Feldweg lokalisieren, der an Schmidts Haus vorbei im Gelände versandet; und eine Formulierung wie »am Ortsrande« würde sich ja nicht auf Ihr herrisches »verlange« reimen.
Wo und was der »Zwergengarten« sein soll, weiß ich nicht. Weder handelt es sich beim Schmidtschen Grundstück um ein zwergenhaft kleines – (es sei denn, gut 4.000 qm reichten Ihnen nicht) –, noch ist es irgendwie zwergenhaft-steingartenartig gestaltet, noch stehen Gartenzwerge auf ihm herum. – Das Grundstück ist weder von »gottbewahrmich Tannen« noch von sonstigen Tannen umstanden. Sie könnten, wenn Sie einmal nach Bargfeld kämen, Tujen, Wacholder, Lärchen, Birken, Fichten, diverse Obstbäume und eine Weymouthskiefer sehen, und (ja, richtig:) ein oder zwei Tannen. – »Überdies ist von Zement ein Bunkerchen vorhanden«? Sicher, so haben Sie es wohl immer wieder in der Presse gelesen, aber dadurch wird es leider nicht wahrer. Kein Mensch, der Augen im Kopf hat, assoziiert beim Anblick des von Schmidt entworfenen, einem niedersächsischen Treppenspeicher nachempfundenen Archivgebäude einen Bunker. (Auch ist es mitnichten »von Zement«, sondern gemauert und verputzt.)

Dass Herr Rauschenbach nicht einsehen mag, „wie ein Sonett irgendeine dichterische Wahrheit oder auch nur Wahrhaftigkeit aufweisen kann, das (von haltlosen Beleidigungen abgesehen) von vorne bis hinten eine falsche Schilderung der Realität bietet“, erklärt sich aus dem vorigen langen Zitat. Die Rauschenbach-Methode hat ja etwas für sich. Literatur sollte sich stets an die Realität halten. Diese Unwahrheiten immer! Allein, wenn die Dichter in ihren Texten immer die Sonne aufgehen lassen, wo doch jedes Schulkind weiß, dass die Erde um die Sonne kreist (entschuldigung: sie ellipst). Wir sehen hier von der wirklich schwierigen theoretischen Frage, was denn Realismus sei und ob der schon erreicht ist, wenn nur die Details stimmen, ab und bleiben bei der Praxis. Ein (heute nicht ganz unbekannter) konkret-Leser hat Herrn Rauschenbachs Kritik beherzigt und uns gezeigt, wie man das macht mit der Dichtung und der Wahrheit. Im Oktober-Heft von konkret ist seine Korrektur der Pilgerreise nach Bargfeld, an der uns vor allem die Wiederaufnahme des Alkoholischen im letzten kurzen Vers beeindruckt, abgedruckt. Sie geht so:

Bildungsreise nach Bargfeld

Sonett von Peter Hacks, umgearbeitet nach Vorschlägen von Bernd Rauschenbach

Das gar nicht »reiche« Dorf (Arbeitslosigkeit), ist eher klein als groß.
Und hat eigentlich keine Slums. Das ich zu sehen hier strande,
Das Schmidtsche Hüttchen, von Frau Knop in Schuß gehalten (tadellos!),
Liegt nicht am »Ortsausgang«. Sondern am Ortsrande. [Reimt sich doch! W H]

Im relativ großen (4000 qm!) Garten, der von »Tannen«dickicht
nicht umstanden ist (sondern von: Tujen, Wacholder, Lärchen, Birken, div. Obstbäumen, 1 Weymouthkiefer und Fichten),
Gibt es keinen Bunker. Und aus »Zement« schon gar nicht!
(Stand zwar in der Presse, stimmt aber – wie so manches in der Presse! – mitnichten.)

Und vor dem Schmuckstück (dank Frau Knop!) »ragt« (falsch!), »gefügt aus« (falsch!) »Klinkern« (richtig!)
Kein »niedersächsisches Bauernhaus«, eher ein Einfamilienbungalow.
Mit »myopischen Zechern« (H. Rowohlt) bevölkert, die sich nicht zu »wichtig«
nehmen. Und auch alles nette Menschen sind. (Das sowieso!)
Bzw. – wenn wir einmal an A. S. denken – waren.
Darauf einen Klaren!

Wolfgang Herrndorf
Berlin6

Peter Hacks reagierte milder und zugleich schärfer als der konkret-Leser Herrndorf. An seinem Gedicht veränderte er, natürlich, nichts. Dafür riet er Bernd Rauschenbach, sich doch bitte nicht „seinem Haß zum Gefallen wie ein Narr aufzuführen“ und auf den Abdruck des Briefes in der Zeitschrift zu verzichten.7 Der aber wollte nicht hören. Und so ist Bernd Rauschenbach als Vertreter der Reimpolizei in die Literaturgeschichte eingegangen.

Hätte Hacks, seit jeher ein Feind des Regietheaters und der Eintheaterung von Romanen, gewusst, dass Rauschenbach 18 Jahre später und pünktlich zum 100. Geburtstag Schmidts „Seelandschaft mit Pocahontas“ für die Bühne bearbeitet, vielleicht wäre seine Reaktion weniger milde ausgefallen. Die uns vorzustellen, ist aber ein anderes Thema. Zum Schluss vielleicht noch dies: Wer sich zum Jubiläum mit Schmidt nicht nur daheim lesend beschäftigen möchte (ich verzichte an dieser Stelle auf die Hinweise zu den Jubiläumspublikationen), muss nicht im Theater an Langeweile sterben. Für die Berlinerinnen und Berliner hat die Universitätsbibliothek der Freien Universität eine Ausstellung erarbeitet, die einen Überblick über die verschiedenen Schmidtiana bietet. In diesem Sinne: Wir gratulieren!

  1. Der kleine Text, aus dem wir hier zitieren, heißt „Flüchtlinge, oh Flüchtlinge“ und findet sich in der Bargfelder Ausgabe, Werkgruppe 3, Bd. 3: Essays und Aufsätze 1, S. 398-401. [zurück]
  2. Und zwar im Essay „Deutsches Elend“, ebd., S. 438-440 [zurück]
  3. Die Zitate entstammen dem Essay „Die Schwärze der Welt am Eingang des Tunnels“, der sich in der Werkausgabe von Peter Hacks befindet: Bd. 13: Die Maßgaben der Kunst I, Berlin 2003, S. 477-501 [zurück]
  4. Zit. n. konkret (1998), H. 9, S. 60 [zurück]
  5. Ebd. [zurück]
  6. konkret (1998), H. 10, S. 6 [zurück]
  7. konkret (1998), H. 9, S. 60 [zurück]