Höschen statt Röschen

Der Muttertag, so sagen einige böswillige Antikapitalisten, sei eine Erfindung der Blumentrusts. Man will was verkaufen und führt also einen Feiertag ein. An dem schenken die Männer den Frauen Blumen und bedanken sich symbolisch für unbezahlte Hausarbeit und ‚Erziehungsgedöns‘. Die Erklärung hat was für sich. So ein Feiertag ist für das Blumengeschäft wie Ostern für die Kirche: der Laden ist voll und man kann fest mit Einnahmen rechnen.

Wie oft bei böswilligen Antikapitalisten geht diese Erklärung leicht an der Sache vorbei. Man verstehe mich nicht falsch; sie trifft schon den Sachverhalt, den Ursprung des Muttertags, des Pudels Kern sozusagen, bekommt sie aber nicht zu fassen. Mag zwar in Deutschland der Floristentrust den Muttertag in die Welt gesetzt und mögen ihn die Faschisten, dem Trust zum Geschenk und ihrem Frauenbild gemäß, als gesetzlichen Feiertag etabliert haben, seinen Ausgang hat er doch anderswo genommen – und zwar dort, wo in Hinsicht auf den Imperialismus seit Beginn des 20. Jahrhunderts alles Neue seinen Anfang hat, in den USA nämlich.

Dortselbst bemühte sich Ann Maria Reeves Jarvis, Ehefrau eines protestantischen Pfarrers, seit Mitte des 19. Jahrhunderts um das Wohl der Armen. Als edler gesinnterer Teil der bürgerlichen Welt wollte sie die Leute nicht halbtot. Die Arbeiter, die in Reeves Jarvisʼ Heimat Virginia, später nach dem Bürgerkrieg West Virginia, lebten, waren äußerst arm. Virginia war ein Eldorado der Holz- und Kohleindustriellen und zugleich und sich daraus ergebend ein Ort schreiender Ungerechtigkeit. Später, 1920/21, fanden hier die sogenannten Mine Wars statt, einer der größten Arbeiteraufstände in der Geschichte der USA. Kurz: die Arbeiter und ihre Familien lebten im Elend, sie hatten wenig zu Essen, waren schlecht gekleidet und ihre Kinder starben wie die Fliegen.
Das abzustellen oder doch zu mildern, gründete Reeves Jarvis 1858 Mother Days Works Clubs. Hier wurde Geld gesammelt, um die sanitäre und gesundheitliche Situation in den Arbeiterfamilien zu verbessern und die Kindersterblichkeit zurückzudrängen. Während des amerikanischen Bürgerkriegs verschob sich das Engagement der wohltätigen Pfarrersfrau. Nun ging es nicht mehr um die Verbesserung der Hygiene der Arbeiterklasse, sondern um die medizinische Betreuung der Verwundeten. Reeves Jarvis organisierte zu diesem Zweck Motherʼs Friendship Days; in gewisser Weise ist sie damit eine Schwester im Geiste der Großherzogin Luise, die 1859 den badischen Frauenverein gründete, aus dem dann die Rotkreuz-Schwesternschaft hervorging. Aber vielleicht ist der Vergleich ein wenig despektierlich, schließlich ist unsere Pfarrersgattin keine adlige Vorzeigedame, und vielleicht dürfen wir ihre gesellschaftlichen Aktivitäten ein wenig ernster nehmen. Immerhin blieb Reeves Jarvis nicht bei der Frage der Behandlung der Kriegsverwundeten, sondern widmete sich nach dem Bürgerkrieg auch einer aktiven pazifistischen Agitation, die sie mit ihrem ursprünglichen Engagement der Armen-Hygiene verband.

„The sword of murder is not the balance of justice“ (Mothersʼ Day Proclamation)

Die Idee von Mütter-Engagement und Frieden wurde dann wenige Jahre später von Julia Ward Howe aufgegriffen, einer Intellektuellen und frühen Frauenrechtlerin, die 1870 eine „Mothersʼ Day Proclamation“ veröffentlichte, die mit dem schönen Aufruf anhebt: „Arise, then, women of this day!“ Howe forderte einen internationalen Frauenkongress sowie das Ende aller Kriege. Die eigentliche Begründerin des Muttertags wurde dann aber die Tochter von Reeves Jarvis, Anna Maria Jarvis. Als ihre Mutter 1905 starb, initiierte sie zwei Jahre später einen Gedenkgottesdienst. Gedacht werden sollte hier allerdings nicht allein ihrer Mutter, sondern der Mütter an sich. Damit war die Idee eines Muttertags geboren, die Anna Maria Jarvis in den nächsten Jahren äußerst erfolgreich verfocht.

Wie erfolgreich Anna Maria Jarvis war, zeigt die Verbreitung des Muttertags. Bereits 1909 wurde er in zahlreichen Bundesstaaten der USA begangen, und 1914 wurde er in den USA zum nationalen Feiertag ausgerufen, der jeweils am zweiten Sonntag im Mai begangen wurde.

1914 war kein gutes Jahr für ein Anliegen, dem man ja immerhin anrechnen muss, dass es einen ehrlichen Pazifismus vertrat. Und so muss sich der Muttertag in diesem Jahr seinen offiziellen hundertsten Geburtstag mit eben jenem Weltkrieg teilen, den die bürgerliche Welt soeben wieder als den Schrecken des 20. Jahrhunderts entdeckt hat (und dessen Ergebnis doch eine so wunderbare Sache wie die sozialistische Revolution in Russland und ja beinahe auch in Deutschland war).

1806 war schon einmal ein anderer auf die Idee verfallen einen Muttertag einzuführen. Napoleon verband damit staatspolitische Zwecke. Es ist nicht davon auszugehen, dass Anna Maria Jarvis davon Kenntnis hatte. Hätte sie davon gewusst, wären ihr vielleicht früher Zweifel ob des Zwecks eines solchen Tags gekommen. Immerhin ist die Sache der Mütter eine Sache, zu der viele Parteien ihre Meinungen haben, eben weil sie so unbestimmt ist. Fiel Frau Jarvis dazu Pazifismus ein, so den Nazis die Ehrung der Aufzüchterinnen des arischen Kanonenfutters für die Welteroberung. Aber das ist ein anderes Thema. In jedem Fall kamen Frau Jarvis bald Zweifel, weil natürlich eines der ältesten Gewerbe, der Blumenhandel, sofort die Chance sah, den Tag für eine ordentliche Umsatzsteigerung zu nutzen. Die weitere Geschichte ist tragisch. Die Dame, die den Muttertag durchsetzte, wurde fortan seine bitterste Gegnerin. Aber welche Hebel Anna Maria Jarvis auch in Bewegung setzte, um die Kommerzialisierung des Muttertags aufzuhalten – 1923 soll sie bei der Störung einer öffentlichen Muttertagsfeier verhaftet worden sein –, der Muttertag war in der Welt. Und die Blumentrusts werden einen Teufel tun, ihn wieder abzuschaffen.

„Am Frauentag? Nackte Männer sehen.“

Wir springen in die Gegenwart. Um einige Dimensionen weniger tragisch, aber doch bitter scheint die Entwicklung des Internationalen Frauentags, der am 8. März begangen wird. Zur gleichen Zeit entstanden wie der Muttertag hatte er weniger Aussicht auf Kommerzialisierung. Auch die Regierungen zeigten sich kaum interessiert an ihm. Frauenwahlrecht und Gleichberechtigung waren einmal die Themen der Arbeiterbewegung. Das blieb auch nach dem Zweiten Weltkrieg so, zumindest im Westen, wo sich ab den 70er Jahren vor allem die aus der neuen Linken stammende feministische Bewegung den 8. März als Kampftag aneignete. In den sozialistischen Ländern wurde der 8. März zum offiziellen Ehrentag und damit in vielerlei Hinsicht zu einem sozialistischen Muttertag. Das Verschenken von Blumen, roten Nelken, gehörte zum Standardprozedere, auch wenn natürlich keine Blumentrusts existierten. Die Offizialisierung des 8. März in der DDR hatte Vor- und Nachteile. Die Anerkennung des weiblichen Geschlechts und seiner Kämpfe in der Geschichte in einem staatspolitischen Rahmen ist ja nichts schlechtes. Am Patriarchat, das in der DDR in weicher Form weiter existierte, änderte das aber kaum etwas. Und auf lange Sicht hat der DDR-8. März dem Patriarchat sicherlich keinen Schaden zugefügt, war der Tag doch in etwa wie ein besserer Muttertag, an dem das Patriarchat auf schelmische Weise thematisiert wurde: man(n) hat ein schlechtes Gewissen und schenkt was her.

Mit dem Ende der DDR veränderte sich zunächst wenig. Der offizielle Rahmen fiel weg: keine Feiern der FDJ mehr, kein Besuch der Schulklasse bei der Patenbrigade. Zugleich hatte sich der 8. März im Bewusstsein der Ostdeutschen aber durchgesetzt. Man gratulierte weiterhin den Frauen, schenkte Blumen, auch wurden nach wie vor Frauentagsfeiern ausgerichtet, für die Rentnerinnen von der Volkssolidarität, für die jüngere Generation im privaten Kreis, oftmals über die Arbeit. Mit der massenhaften Durchsetzung des 8. März in Ostdeutschland, war nach dem Ende des Sozialismus die Möglichkeit für die Kommerzialisierung gegeben. Getreu nach dem Motto „Was sich verkaufen lässt, wird auch verkauft“ prägt der Kapitalismus allem seinen Stempel auf. Und so kommt, dass am 8. März in zahlreichen ostdeutschen Klein- und Großstädten seit geraumer Zeit längst nicht mehr nur Blumen verschenkt, sondern auch Höschen gelüftet werden; nur eben, an diesem einen besonderen Tag, die der Männer. Was soll man da sagen. Es ist zum Lachen.