Archiv der Kategorie 'Blütenlese'

Der Märchenerzähler ist da

Jüngst war ich mit einer lieben Bekannten in Beeskow, um mir eine Ausstellung anzusehen. Ein Besuch Beeskows, man muss das hier laut und vernehmlich sagen, lohnt sehr. Denn diese durchaus reizende Kleinstadt im Oder-Spree-Kreis hat etwas zu bieten, das einzigartig ist: das Kunstarchiv Beeskow, eine Sammlung ehemaliger DDR-Kunst, insgesamt 23.000 Objekte, von denen immer wieder einige für Ausstellungen ausgewählt und kompiliert werden. (mehr…)

Sex, Politics und ein literarischer ‚Diebstahl‘ – Teil III

III.
Was ist nun der literarische ‚Diebstahl‘, über den hier noch zu reden ist? Das Thema ist einigermaßen abstrus, und es erscheint nicht verwunderlich, dass es im Zusammenhang mit einem dystopischen Roman mit Sciencefiction-Charakter vorkommt.
Wir haben erfahren, dass die Sowjets im Schmidtschen Kosmos des Jahres 2008 lebende Organe verpflanzen, um bedeutende Menschen am Leben zu halten, ja zu ‚verbessern‘. Was seinerzeit als Schabernack gelten musste, nennt sich heute Organtransplantation und ist ein völlig normales medizinisch-chirurgisches Verfahren. Aber Schmidt geht noch weiter! Nachdem Winer in einem Krankenhaus aus dem Mund von Professor Schukowski von dieser sagenhaften Methode erfahren und auch zwei solcher Patienten mit eigenen Augen gesehen hat, erklärt ihm Uspenskij seelenruhig, „daß sie selbstverständlich auch systematisch Zuchtwahl betrieben“. Und als Winer sichtlich aufgebracht äußert: „Das ist doch unmöglich!“, antwortet der selbstbewusste Kommunist: „Für Sowjetmenschen gibt es kein ‚Uunmögglich‘.“
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Sex, Politics und ein literarischer „Diebstahl“. Arno Schmidts „Gelehrtenrepublik“ – Teil II

II.
In aufklärerischer Funktion – und nicht nur was literarische Techniken angeht – wünscht man sich den Roman aber auch noch in anderer Hinsicht als Schullektüre – betreffs der Schilderung des Kalten Krieges nämlich. Die IRAS ist ein ziemlich getreues Abbild der Weltlage des Jahres 1957, aufgeteilt in die Machtgebiete der zwei großen Reiche, des Imperialismus und des Kommunismus. Der Roman macht sich nun das Vergnügen, diese beiden in wahnwitziger Übersteigerung vorzuführen, ihre Prinzipien grell auszustellen.
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Sex, Politics und ein literarischer „Diebstahl“. Arno Schmidts „Gelehrtenrepublik“ – Teil I

Im Jahr 1957 erschien im Karlsruher Stahlberg Verlag ein Roman, der heute ein bemerkenswertes literarisches Dokument des Kalten Krieges ist. Die Rede ist von Arno Schmidt und dessen Kurzroman „Die Gelehrtenrepublik“. Schmidt lässt darin den Reporter Charles Henry Winer zu Wort kommen, der von seiner abenteuerlichen Reise zur IRAS, der International Republic for Artists and Scientists berichtet. Es wird hier kaum der Ort sein, der Arno-Schmidt-Philologie, die in den vergangenen zwanzig, dreißig Jahren wahrlich explodiert ist, einen neuen Baustein hinzuzufügen, nicht einmal ein Bausteinchen.
Ich will aber doch auf zwei Dinge aufmerksam machen, die mir bemerkenswert erscheinen und die erklären mögen, warum es auch heute noch lohnt, diesen schmalen Band, den man in ein paar Stunden durchgelesen hat, zur Hand zu nehmen. Das betrifft einerseits die Schilderung sexueller Vorgänge, in die Winer noch während seiner Reise zur IRAS ‚verwickelt‘ wird, und zum anderen die Beschreibung der gesellschaftlichen Einrichtungen der Sowjet-Kommunisten im Roman – denn die IRAS ist ein ziemlich getreues Abbild der politischen Welt der 1950er Jahre, d.h. sie ist zwischen Ost und West, zwischen der UdSSR und der USA geteilt. Als drittes und letztes möchte ich dann noch einen literarischen „Diebstahl“ aufdecken, der mir äußerst gelungen – und also völlig legitim – erscheint.
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Wolfgang Koeppens „Tauben im Gras“

Vielleicht einfach aus Unkenntnis oder eben aus Kenntnis der Umstände habe ich immer gedacht, die Literatur der fünfziger Jahre in Westdeutschland sei, was den Roman betrifft, vollkommen zu vernachlässigen – uninteressant. Sicher ist da Arno Schmidt, der aber doch aus dem Rahmen fällt. Nun habe ich endlich, nachdem das Buch schon lange im Regal Staub ansetzte, Wolfgang Koeppens „Tauben im Gras“ gelesen, der erste Teil seiner Trilogie über die BRD in den Fünfzigern. Mittels einer schnellen Schnitttechnik und wechselnder Erzählperspektive, die immer wieder in den Stream of Consciousness wechselt, lernt man verschiedene Personen in einer nicht näher bezeichneten Stadt kennen. Gescheiterte Erbinnen, Besatzungssoldaten, rassistische deutsche Mütter. Koeppen, der wohl als radikaler Pessimist bezeichnet werden kann, legt schonungslos den „Gefühlshaushalt“ der Durchschnittsdeutschen offen, die nach Wohlstand lechzen und den Besatzern, die sich nicht als Befreier empfinden können, gleichzeitig hündisch und voller Hass begegnen.
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