Archiv der Kategorie 'Literaturgeschichte'

Goethes Abschied, oder: Weimar schwärmt für einen Pudel

„Kein Hund darf mit auf das Theater gebracht werden.“
(§ 14, Erneuerte Anordnungen für das Weimarische Theater, 1812)

Goethe sah den Hund und weinte.
Das ist nicht mehr zu ertragen.
Kein Gedanke. Keine Fragen. –
Ich weiß jetzt, was er meinte.

Vivat Arno Schmidt!

Arno Schmidt war verschroben. Aber um wie vieles verschrobener sind seine Anhänger.

Arno Schmidt wäre am 18. Januar diesen Jahres einhundert Jahre alt geworden. Lebte er noch, er würde als boshafter Greis der Gegenwart die Leviten lesen. Stattdessen ist er bereits vor fünfunddreißig Jahren gestorben. Überlebt haben andere, die ähnlich heißen, Helmut Schmidt etwa – das sind so die bösen Greise, die wir heute kennen. (mehr…)

Eine kleine Ergänzung zu Wieland Herzfelde

Wir hatten Anlaß über Wieland Herzfelde zu sprechen. Nun stoßen wir zufälligerweise auf eine Anekdote denselben beteffend1, die so köstlich ist, daß Sie hier einfach wiedergegeben werden soll – nicht zuletzt weil sie in den Themenumkreis des Stalinismus gehört, dem wir uns ja auch in unserem letzten Beitrag widmeten. (mehr…)

Dadada, oder: „Dada hat Gott sei Dank seinen Lukács nicht gefunden“ – Wieland Herzfelde im Jahr 1976

„Da da da“ war nicht nur der große Hit der Neuen Deutsche Welle-Formation Trio. Dada oder Dadaismus, das war auch die von Zürich ausgehende, mitten im Ersten Weltkrieg begründete literarische Bewegung, die in einer radikalen Umkehr alles bisher Dagewesenen mit den Konventionen der Kunst und des guten Geschmacks aufräumte. So dichtete Hugo Ball 1916, recht passend zum ‚Gaga‘ der Deutschen in den Schützengräben und an der Heimatfront, seinen Totentanz nach der Melodie des Soldatenliedes „So leben wir“:

„So sterben wir, so sterben wir.
Wir sterben alle Tage,
Weil es so gemütlich sich sterben läßt.
Morgens noch in Schlaf und Traum
Mittags schon dahin.
Abends scho zuunterst im Grabe drin.“

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Ein kleine Einstimmung auf das Kleist-Jahr 2011

Die geisteswissenschaftliche Öffentlichkeit liebt Jubiläen. Sie nimmt da niemanden aus – und alle dürfen sich angesprochen fühlen. 2011 ist Kleist-Jahr. 200 Jahre sind es also nun, dass sich der Dichter des rebellischen „Michael Kohlhaas“ und Bearbeiter des „Amphitryon“ im schönen Berlin die Kugel gab.
So ein Jubiläum ist eine tolle Sache, vor allem für die Sachverwalter dessen, was sich in Deutschland immer so schön Kultur schimpft. Bis dass sich also wirklich am 21. November 2011 Kleists Todestag zum zweihundertsten Male jährt, wird es noch einige Konferenzen und Workshops, Ringvorlesungen und wohl vor allem neue Bücher geben. So mancher Kleist-Biograph wird in den Startlöcher stehen und die Verlage dürfen sich freuen, ihren Kleist an den Mann bzw. die Frau zu bringen.
Nichts gegen das Jubiläum. Es gibt ja doch immerhin Anlass, wieder einmal im Kleist zu blättern. Wir blättern also im Kleist und stoßen auf ein kleines Gedicht, das uns vor langer Zeit einmal begegnete und uns wieder in Erinnerung ruft, warum wir Kleist seinerzeit als modernern Hassprediger und Mordbrenner à la Ernst Moritz Arndt abstempelten. Es handelt sich um die 1809 verfasste Ode „Germania an ihre Kinder“, in der es anfangs heißt:

„Die des Maines Regionen, / Die der Elbe heitre Aun, / Die der Donau Strand bewohnen, / Die das Odertal bebaun, / Aus des Rheines Laubensitzen, / Von dem duftgen Mittelmeer, / Von der Riesenberge Spitzen, / Von der Ost- und Nordsee her – !“

Man merkt schon, wer sich hier wohl angesprochen fühlen soll, es sind die lieben Deutschen bzw. die Menschen, in den beschriebenen Regionen, die sich doch nun bitte als solche auffassen sollen, angesprochen von niemand geringerem als Germania selbst. Und so antworten die lieben Deutschen, noch etwas irritiert freilich, dafür aber schon im Chor (dialogisch darf es immerhin zugehen):

„Horcht! Was für ein Ruf, ihr Brüder, / Hallt, dem Donner gleich, hernieder? / Stehst du auf, Germania? / Ist der Tag der Rache da?“

Rache? Welche Rache? Na, die an dem kleinen frechen Franzosen natürlich, der 1806 Preußen besetzte und sich anschickte, ganz Europa seiner Macht zu unterwerfen. Und siehe da, schon fühlt sich die soeben noch unsicher horchende und fragende Menge, der nun von Germania als „Römerüberwinderbrut“ angesprochene Chor, ganz entschlossen, und aus dem zweifelnden „Stehst du auf, Germania?“ wird:

„Zu den Waffen, zu den Waffen! / Was die Hände blindlings raffen! / Mit der Keule, mit dem Stab, / Schlacht, in dein Gefild hinab! […] Schäumt, ein uferloses Meer, / über diese Franken her […] Wer in unheilbaren Wunden / Dieser Fremden Hohn empfunden, / Brüder, wer ein deutscher Mann, / Schließe diesem Kampf sich an!“

Auszug der ostpreu�ischen Landwehr 1813
„Dämmt den Rhein mit ihren Leichen“, rief Kleist den Deutschen zu – im Bild der Auszug der Ostpreußischen Landwehr 1813

Und natürlich kommen sie alle – brav benennt sie Kleist: den „Kaufmann“, den „Denker“, den Bauern (der hier zwangs des Reims „Schnitter“ heißt), und den – na, man kann es sich denken – „Ritter“; und alle fühlen sie sich ganz deutsch.
Damit sie eine rechte Vorstellung vom Wesen des sie erwartenden ‚Befreiungskampfs‘ erhalten, mahnt Germania dann noch einmal und gibt einige kriegspraktische Handlungsanweisungen, welche seitdem kein deutscher Soldat mehr vergessen hat (zumindest im Ersten und Zweiten der großen Kriege, zu denen Germania rief, konnte man sich offenbar noch ganz gut an diese erinnern, wenn man kurzerhand jedes Kriegsrecht als inexistent behandelte):

„Alles, was ihr Fuß betreten, / Färbt mit ihren Knochen weiß / […] Dämmt den Rhein mit ihren Leichen.“

Dagegen ist doch ‚Jeder Stoß ein Franzos‘ fast schon wieder prosaisch! Und selbstverständlich weiß der deutsche Chor, dass seine ‚rheindämmende‘ Arbeit jenseits der selbst eingestandenen „Jagdlust“ dem „heilgem Blut“ der Fürsten dient und die Alternative zu dieser fürstenseligen (Un)Freiheit nur der Tod sein kann. Und natürlich, da ist Kleist eindeutig, muss das ‚Knochenspiel‘, das man den Franzosen angedeihen lassen soll, vor keinem Gericht der Welt gerechtfertigt werden: „Das Weltgericht / Fragt Euch nach den Gründen nicht! […] Droben wird ein Richter messen“, weiß der Chor, der teutsche.

Wohlan! Es ist Kleist-Jahr!