Archiv der Kategorie 'Quatsch'

Der Mann mit dem Messer

Berlin-Gesundbrunnen, später Augustnachmittag. Ein Mann steigt in den Wagen der U-Bahn. Keiner guckt hin. Er setzt sich am Ende des Wagens, wo sich jeweils drei Sitze gegenüber befinden, in den äußersten Sitz. An der nächsten Station steigen zwei Touristen zu. Sie reden laut. Niemand beachtet sie. In Berlin beachtet ohnehin niemand niemanden. Die Leute schauen in ihre Zeitungen und elektrischen Geräte. Auf den Mann achtet keiner. Auch nicht, als er jetzt aus seiner Manteltasche ein großes Messer herausholt. Er hält das Messer gegen das Licht und beginnt eine Bierflasche damit zu bearbeiten. Systematisch, so wie man das macht, wenn man ein Messer schärft. Was zur Hölle aber will denn der Mann mit dem Messer? Das fragt sich zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Erst als die beiden Touristen aussteigen und man das Schaben des Messers am Flaschenhals hört, werden die Leute aufmerksam. Was sitzt denn da einer ganz hinten im Abteil und wetzt sein Messer? Was will er denn damit? Und jetzt, als die Leute genauer hinsehen, erkennen sie, dass der Mann ein bisschen abgerissen aussieht. Seine Jahre sind zu lang. Seine Schuhe sind abgelaufen. Und auch sein Mantel hat schon bessere Tage gesehen; überhaupt, ein Mantel im Sommer. Penner + Messer = Stress, denken sie sich. Das ist so eine Kombination, da werden die Leute ganz kirre im Kopf. Da arbeitet die Phantasie. Wird man jetzt Zeuge einer Straftat? Opfer gar? Zwei Dutzend Nackenhaare stellen sich auf. Der Mann merkt davon nichts. Systematisch bearbeitet er sein Messer. Der Stahl erzeugt auf dem Glas ein scharfes, hohes Geräusch. Es vermischt sich mit dem Brummen und Wummern der U-Bahn, die jetzt in den nächsten Bahnhof einfährt. Die Türen gehen auf. Die Panischen steigen aus. Manche von ihnen, formulieren schon im Kopf den Text der Beschwerdemail, die sie den Berliner Verkehrsbetrieben schicken werden (es wird vielleicht nicht die erste sein). Andere sind einfach froh. Man weiß ja nie. Und lieber kein Risiko eingehen. Vorsicht ist die Mutter des Berliner Personennahverkehrs. – Der Mann bearbeitet sein Messer. Die Neuzugestiegenen werden auf ihn aufmerksam. Manche schauen entgeistert. Was will der Mann mit dem Messer? Der Mann schaut nur auf sein Messer. Von links oben nach rechts unten, von rechts oben nach links unten zieht er dass Messer über den abgebrochenen Rand der Flasche. Er sieht auf sein Messer: von links oben nach rechts unten, von rechten oben nach links unten. Pfhhht, pfhhht. Jetzt stockt er. Jetzt schaut er auf. Mit ruhiger Hand überprüft er sein Werk – und trinkt. Der Flaschenhals ist glatt. Er hat die Flasche repariert. „Habt Ihr Luschen gedacht, ich stech Euch ab?“

Verwertungslogik: alte Schule

Eine Freundin erzählt mir von der Umschulung. Im Deutschunterricht, gibt es Bewerbungstraining. Der Lehrer sagt, das wichtigste ist ein seriöses Anschreiben, das Vertrauen erzeugt. Deshalb sei gutes Deutsch wichtig. Vorne links meldet sich jemand. Es ist die Blondierte mit den hochhackigen Schuhen, in denen sie kaum laufen kann. „Für mich das wichtigste ist das Bewerbungsfoto. Deshalb habe ich auch extra chicke machen lassen, so mit nachretouchiert und so.“ „Das Bewerbungsfoto ist natürlich auch wichtig. Es gibt Ihnen die Möglichkeit, sich mit Ihrer ganzen Person zu präsentieren“, sagt der Lehrer. „Genau, ganze Person. Wenn der Chef die Bewerbungsmappe aufmacht und mein Bild sieht, soll der sich denken: Wow! Die will ich ficken. Dann hab ich den Job.“
Man fragte sich, ob das Leben den Witz nachahmt, oder der Witz das Leben. Denn zweifelsohne handelt es sich hier um einen klassischen Blondinenwitz-Plot. Und es haben, wie ich mir habe versichern lassen, auch alle gelacht. Es war aber vollkommen ernst gemeint.

Brüder, zur Sonne zur Freiheit?

Antidepressiva, denken wir, das sind doch diese Pillen, die Menschen verabreicht werden, um sie ruhig zu stellen. Und die sich Menschen selbst verabreichen – auch um sich ruhig zu stellen. Morgens in Badezimmern geschieht so etwas, oder auf sonnenbeschienenen Terrassen, in Baden Baden zum Beispiel, mittags zum Martini. Von mir aus auch beim Kaffee am Lido, wo man sich sonnenbebrillt und weltbürgerlich ein wenig ‚downt’. Und wenn dann mal, weil die Hand zittert oder die Begleiterin gerade eine ausladende Geste macht, eines dieser kleinen Dinger vom Tisch auf den Boden fällt, ein bisschen kullert und, schwups, im Lido landet – na, da nimmt man eben noch eine. Es gibt da so Vorratspackungen; der Imperialismus ist schließlich eine fortgeschrittene Produktionsweise.
Was die Dinger im Lido und anderen Gewässern mitunter aber so anrichten, darüber hat wohl bisher niemand so richtig nachgedacht, erst recht nicht in Baden Baden.
Niemand? Doch.
Britische Forscher haben nämlich nun in einer Studie festgestellt, dass Garnelen nach dem Verzehr von Antidepressiva ihr natürliches Verhalten ändern und sich statt – wie sonst üblich – vom Licht fernzuhalten, diesem zustreben. Wo sie dann fröhlich von Vögeln und Fischen gefressen werden.
Heerscharen verwirrter Garnelen, die ordentlich ‚gedownt’ dem Licht entgegen schweben. Wir stellen uns vor, wie herrlich leicht sie sich fühlen: heraus aus den dunklen Tiefen zum Licht empor. „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“, ruft die Languste den Hummern zu. Und alle Scampis folgen. Mit ihren kleinen Beinchen stoßen sie träge und strecken die Fühler aus. Nach oben, immer nach oben.
Dass das ein veritables Problem ist, braucht man wohl niemandem zu sagen. Nachdem die eine Hälfte der Garnelen an den Küsten der USA im Öl ertrinkt, begibt sich die andere nun freiwillig in den sicheren Tod. Und beides menschenbeeinflusst. Das Öl und die Antidepressiva, Geißeln der Menschheit, denken wir uns.