Torpedokäfer http://Torpedo.blogsport.de "Mit dem Rücken zur Wand, damit man sich anlehnen kann" - Nach-Richten von Kultur und Politik Sun, 03 Jan 2016 13:03:43 +0000 http://wordpress.org/?v=1.5.1.2 en Väter und Söhne (eine Beobachtung nach Freud) http://Torpedo.blogsport.de/2014/10/21/vaeter-und-soehne-eine-beobachtung-nach-freud-2/ http://Torpedo.blogsport.de/2014/10/21/vaeter-und-soehne-eine-beobachtung-nach-freud-2/#comments Tue, 21 Oct 2014 14:38:54 +0000 Administrator KommentarFreud http://Torpedo.blogsport.de/2014/10/21/vaeter-und-soehne-eine-beobachtung-nach-freud-2/ Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm –
Das ist der Wiederholungszwang.

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Goethes Abschied, oder: Weimar schwärmt für einen Pudel http://Torpedo.blogsport.de/2014/10/07/goethes-abschied-oder-weimar-schwaermt-fuer-einen-pudel/ http://Torpedo.blogsport.de/2014/10/07/goethes-abschied-oder-weimar-schwaermt-fuer-einen-pudel/#comments Tue, 07 Oct 2014 18:43:53 +0000 Administrator LiteraturgeschichteGoethe http://Torpedo.blogsport.de/2014/10/07/goethes-abschied-oder-weimar-schwaermt-fuer-einen-pudel/ „Kein Hund darf mit auf das Theater gebracht werden.“
(§ 14, Erneuerte Anordnungen für das Weimarische Theater, 1812)

Goethe sah den Hund und weinte.
Das ist nicht mehr zu ertragen.
Kein Gedanke. Keine Fragen. –
Ich weiß jetzt, was er meinte.

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Der Mann mit dem Messer http://Torpedo.blogsport.de/2014/09/18/der-mann-mit-dem-messer/ http://Torpedo.blogsport.de/2014/09/18/der-mann-mit-dem-messer/#comments Thu, 18 Sep 2014 10:08:43 +0000 Administrator Quatsch http://Torpedo.blogsport.de/2014/09/18/der-mann-mit-dem-messer/ Berlin-Gesundbrunnen, später Augustnachmittag. Ein Mann steigt in den Wagen der U-Bahn. Keiner guckt hin. Er setzt sich am Ende des Wagens, wo sich jeweils drei Sitze gegenüber befinden, in den äußersten Sitz. An der nächsten Station steigen zwei Touristen zu. Sie reden laut. Niemand beachtet sie. In Berlin beachtet ohnehin niemand niemanden. Die Leute schauen in ihre Zeitungen und elektrischen Geräte. Auf den Mann achtet keiner. Auch nicht, als er jetzt aus seiner Manteltasche ein großes Messer herausholt. Er hält das Messer gegen das Licht und beginnt eine Bierflasche damit zu bearbeiten. Systematisch, so wie man das macht, wenn man ein Messer schärft. Was zur Hölle aber will denn der Mann mit dem Messer? Das fragt sich zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Erst als die beiden Touristen aussteigen und man das Schaben des Messers am Flaschenhals hört, werden die Leute aufmerksam. Was sitzt denn da einer ganz hinten im Abteil und wetzt sein Messer? Was will er denn damit? Und jetzt, als die Leute genauer hinsehen, erkennen sie, dass der Mann ein bisschen abgerissen aussieht. Seine Jahre sind zu lang. Seine Schuhe sind abgelaufen. Und auch sein Mantel hat schon bessere Tage gesehen; überhaupt, ein Mantel im Sommer. Penner + Messer = Stress, denken sie sich. Das ist so eine Kombination, da werden die Leute ganz kirre im Kopf. Da arbeitet die Phantasie. Wird man jetzt Zeuge einer Straftat? Opfer gar? Zwei Dutzend Nackenhaare stellen sich auf. Der Mann merkt davon nichts. Systematisch bearbeitet er sein Messer. Der Stahl erzeugt auf dem Glas ein scharfes, hohes Geräusch. Es vermischt sich mit dem Brummen und Wummern der U-Bahn, die jetzt in den nächsten Bahnhof einfährt. Die Türen gehen auf. Die Panischen steigen aus. Manche von ihnen, formulieren schon im Kopf den Text der Beschwerdemail, die sie den Berliner Verkehrsbetrieben schicken werden (es wird vielleicht nicht die erste sein). Andere sind einfach froh. Man weiß ja nie. Und lieber kein Risiko eingehen. Vorsicht ist die Mutter des Berliner Personennahverkehrs. – Der Mann bearbeitet sein Messer. Die Neuzugestiegenen werden auf ihn aufmerksam. Manche schauen entgeistert. Was will der Mann mit dem Messer? Der Mann schaut nur auf sein Messer. Von links oben nach rechts unten, von rechts oben nach links unten zieht er dass Messer über den abgebrochenen Rand der Flasche. Er sieht auf sein Messer: von links oben nach rechts unten, von rechten oben nach links unten. Pfhhht, pfhhht. Jetzt stockt er. Jetzt schaut er auf. Mit ruhiger Hand überprüft er sein Werk – und trinkt. Der Flaschenhals ist glatt. Er hat die Flasche repariert. „Habt Ihr Luschen gedacht, ich stech Euch ab?“

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Höschen statt Röschen http://Torpedo.blogsport.de/2014/03/31/hoeschen-statt-roeschen/ http://Torpedo.blogsport.de/2014/03/31/hoeschen-statt-roeschen/#comments Mon, 31 Mar 2014 21:29:42 +0000 Administrator Kommentar8. MärzBlumenMuttertag http://Torpedo.blogsport.de/2014/03/31/hoeschen-statt-roeschen/ Der Muttertag, so sagen einige böswillige Antikapitalisten, sei eine Erfindung der Blumentrusts. Man will was verkaufen und führt also einen Feiertag ein. An dem schenken die Männer den Frauen Blumen und bedanken sich symbolisch für unbezahlte Hausarbeit und ‚Erziehungsgedöns‘. Die Erklärung hat was für sich. So ein Feiertag ist für das Blumengeschäft wie Ostern für die Kirche: der Laden ist voll und man kann fest mit Einnahmen rechnen.

Wie oft bei böswilligen Antikapitalisten geht diese Erklärung leicht an der Sache vorbei. Man verstehe mich nicht falsch; sie trifft schon den Sachverhalt, den Ursprung des Muttertags, des Pudels Kern sozusagen, bekommt sie aber nicht zu fassen. Mag zwar in Deutschland der Floristentrust den Muttertag in die Welt gesetzt und mögen ihn die Faschisten, dem Trust zum Geschenk und ihrem Frauenbild gemäß, als gesetzlichen Feiertag etabliert haben, seinen Ausgang hat er doch anderswo genommen – und zwar dort, wo in Hinsicht auf den Imperialismus seit Beginn des 20. Jahrhunderts alles Neue seinen Anfang hat, in den USA nämlich.

Dortselbst bemühte sich Ann Maria Reeves Jarvis, Ehefrau eines protestantischen Pfarrers, seit Mitte des 19. Jahrhunderts um das Wohl der Armen. Als edler gesinnterer Teil der bürgerlichen Welt wollte sie die Leute nicht halbtot. Die Arbeiter, die in Reeves Jarvisʼ Heimat Virginia, später nach dem Bürgerkrieg West Virginia, lebten, waren äußerst arm. Virginia war ein Eldorado der Holz- und Kohleindustriellen und zugleich und sich daraus ergebend ein Ort schreiender Ungerechtigkeit. Später, 1920/21, fanden hier die sogenannten Mine Wars statt, einer der größten Arbeiteraufstände in der Geschichte der USA. Kurz: die Arbeiter und ihre Familien lebten im Elend, sie hatten wenig zu Essen, waren schlecht gekleidet und ihre Kinder starben wie die Fliegen.
Das abzustellen oder doch zu mildern, gründete Reeves Jarvis 1858 Mother Days Works Clubs. Hier wurde Geld gesammelt, um die sanitäre und gesundheitliche Situation in den Arbeiterfamilien zu verbessern und die Kindersterblichkeit zurückzudrängen. Während des amerikanischen Bürgerkriegs verschob sich das Engagement der wohltätigen Pfarrersfrau. Nun ging es nicht mehr um die Verbesserung der Hygiene der Arbeiterklasse, sondern um die medizinische Betreuung der Verwundeten. Reeves Jarvis organisierte zu diesem Zweck Motherʼs Friendship Days; in gewisser Weise ist sie damit eine Schwester im Geiste der Großherzogin Luise, die 1859 den badischen Frauenverein gründete, aus dem dann die Rotkreuz-Schwesternschaft hervorging. Aber vielleicht ist der Vergleich ein wenig despektierlich, schließlich ist unsere Pfarrersgattin keine adlige Vorzeigedame, und vielleicht dürfen wir ihre gesellschaftlichen Aktivitäten ein wenig ernster nehmen. Immerhin blieb Reeves Jarvis nicht bei der Frage der Behandlung der Kriegsverwundeten, sondern widmete sich nach dem Bürgerkrieg auch einer aktiven pazifistischen Agitation, die sie mit ihrem ursprünglichen Engagement der Armen-Hygiene verband.

„The sword of murder is not the balance of justice“ (Mothersʼ Day Proclamation)

Die Idee von Mütter-Engagement und Frieden wurde dann wenige Jahre später von Julia Ward Howe aufgegriffen, einer Intellektuellen und frühen Frauenrechtlerin, die 1870 eine „Mothersʼ Day Proclamation“ veröffentlichte, die mit dem schönen Aufruf anhebt: „Arise, then, women of this day!“ Howe forderte einen internationalen Frauenkongress sowie das Ende aller Kriege. Die eigentliche Begründerin des Muttertags wurde dann aber die Tochter von Reeves Jarvis, Anna Maria Jarvis. Als ihre Mutter 1905 starb, initiierte sie zwei Jahre später einen Gedenkgottesdienst. Gedacht werden sollte hier allerdings nicht allein ihrer Mutter, sondern der Mütter an sich. Damit war die Idee eines Muttertags geboren, die Anna Maria Jarvis in den nächsten Jahren äußerst erfolgreich verfocht.

Wie erfolgreich Anna Maria Jarvis war, zeigt die Verbreitung des Muttertags. Bereits 1909 wurde er in zahlreichen Bundesstaaten der USA begangen, und 1914 wurde er in den USA zum nationalen Feiertag ausgerufen, der jeweils am zweiten Sonntag im Mai begangen wurde.

1914 war kein gutes Jahr für ein Anliegen, dem man ja immerhin anrechnen muss, dass es einen ehrlichen Pazifismus vertrat. Und so muss sich der Muttertag in diesem Jahr seinen offiziellen hundertsten Geburtstag mit eben jenem Weltkrieg teilen, den die bürgerliche Welt soeben wieder als den Schrecken des 20. Jahrhunderts entdeckt hat (und dessen Ergebnis doch eine so wunderbare Sache wie die sozialistische Revolution in Russland und ja beinahe auch in Deutschland war).

1806 war schon einmal ein anderer auf die Idee verfallen einen Muttertag einzuführen. Napoleon verband damit staatspolitische Zwecke. Es ist nicht davon auszugehen, dass Anna Maria Jarvis davon Kenntnis hatte. Hätte sie davon gewusst, wären ihr vielleicht früher Zweifel ob des Zwecks eines solchen Tags gekommen. Immerhin ist die Sache der Mütter eine Sache, zu der viele Parteien ihre Meinungen haben, eben weil sie so unbestimmt ist. Fiel Frau Jarvis dazu Pazifismus ein, so den Nazis die Ehrung der Aufzüchterinnen des arischen Kanonenfutters für die Welteroberung. Aber das ist ein anderes Thema. In jedem Fall kamen Frau Jarvis bald Zweifel, weil natürlich eines der ältesten Gewerbe, der Blumenhandel, sofort die Chance sah, den Tag für eine ordentliche Umsatzsteigerung zu nutzen. Die weitere Geschichte ist tragisch. Die Dame, die den Muttertag durchsetzte, wurde fortan seine bitterste Gegnerin. Aber welche Hebel Anna Maria Jarvis auch in Bewegung setzte, um die Kommerzialisierung des Muttertags aufzuhalten – 1923 soll sie bei der Störung einer öffentlichen Muttertagsfeier verhaftet worden sein –, der Muttertag war in der Welt. Und die Blumentrusts werden einen Teufel tun, ihn wieder abzuschaffen.

„Am Frauentag? Nackte Männer sehen.“

Wir springen in die Gegenwart. Um einige Dimensionen weniger tragisch, aber doch bitter scheint die Entwicklung des Internationalen Frauentags, der am 8. März begangen wird. Zur gleichen Zeit entstanden wie der Muttertag hatte er weniger Aussicht auf Kommerzialisierung. Auch die Regierungen zeigten sich kaum interessiert an ihm. Frauenwahlrecht und Gleichberechtigung waren einmal die Themen der Arbeiterbewegung. Das blieb auch nach dem Zweiten Weltkrieg so, zumindest im Westen, wo sich ab den 70er Jahren vor allem die aus der neuen Linken stammende feministische Bewegung den 8. März als Kampftag aneignete. In den sozialistischen Ländern wurde der 8. März zum offiziellen Ehrentag und damit in vielerlei Hinsicht zu einem sozialistischen Muttertag. Das Verschenken von Blumen, roten Nelken, gehörte zum Standardprozedere, auch wenn natürlich keine Blumentrusts existierten. Die Offizialisierung des 8. März in der DDR hatte Vor- und Nachteile. Die Anerkennung des weiblichen Geschlechts und seiner Kämpfe in der Geschichte in einem staatspolitischen Rahmen ist ja nichts schlechtes. Am Patriarchat, das in der DDR in weicher Form weiter existierte, änderte das aber kaum etwas. Und auf lange Sicht hat der DDR-8. März dem Patriarchat sicherlich keinen Schaden zugefügt, war der Tag doch in etwa wie ein besserer Muttertag, an dem das Patriarchat auf schelmische Weise thematisiert wurde: man(n) hat ein schlechtes Gewissen und schenkt was her.

Mit dem Ende der DDR veränderte sich zunächst wenig. Der offizielle Rahmen fiel weg: keine Feiern der FDJ mehr, kein Besuch der Schulklasse bei der Patenbrigade. Zugleich hatte sich der 8. März im Bewusstsein der Ostdeutschen aber durchgesetzt. Man gratulierte weiterhin den Frauen, schenkte Blumen, auch wurden nach wie vor Frauentagsfeiern ausgerichtet, für die Rentnerinnen von der Volkssolidarität, für die jüngere Generation im privaten Kreis, oftmals über die Arbeit. Mit der massenhaften Durchsetzung des 8. März in Ostdeutschland, war nach dem Ende des Sozialismus die Möglichkeit für die Kommerzialisierung gegeben. Getreu nach dem Motto „Was sich verkaufen lässt, wird auch verkauft“ prägt der Kapitalismus allem seinen Stempel auf. Und so kommt, dass am 8. März in zahlreichen ostdeutschen Klein- und Großstädten seit geraumer Zeit längst nicht mehr nur Blumen verschenkt, sondern auch Höschen gelüftet werden; nur eben, an diesem einen besonderen Tag, die der Männer. Was soll man da sagen. Es ist zum Lachen.

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Vivat Arno Schmidt! http://Torpedo.blogsport.de/2014/02/09/vivat-arno-schmidt/ http://Torpedo.blogsport.de/2014/02/09/vivat-arno-schmidt/#comments Sun, 09 Feb 2014 18:23:23 +0000 Administrator LiteraturgeschichteArno SchmidtPeter Hacks http://Torpedo.blogsport.de/2014/02/09/vivat-arno-schmidt/ Arno Schmidt war verschroben. Aber um wie vieles verschrobener sind seine Anhänger.

Arno Schmidt wäre am 18. Januar diesen Jahres einhundert Jahre alt geworden. Lebte er noch, er würde als boshafter Greis der Gegenwart die Leviten lesen. Stattdessen ist er bereits vor fünfunddreißig Jahren gestorben. Überlebt haben andere, die ähnlich heißen, Helmut Schmidt etwa – das sind so die bösen Greise, die wir heute kennen. Im Gegensatz zu diesem Schmidt war der Arno Schmidt nicht nur ein hervorragender Schriftsteller, sondern auch bei Vernunft. Arno Schmidt lesen, vor allem die kleineren Texte aus den späten 1950er Jahren, ist eine Freude. Von Napoleon hört man dort nur Gutes und die Französische Revolution, die das Bürgertum in den letzten Jahren, was sag ich: Jahrzehnten, auch schon wieder in Grund und Boden geschrieben hat, trägt dort den schönen Titel „die große Französische Revolution von 1789“. Noch schöner dünkt uns der Zusatz: „Messieurs, wir erheben uns von den Plätzen!“1

Erheben wir uns also von den Plätzen, um dem Jubilar zu gratulieren. Und tun wir dies, indem wir eine Anekdote zum Besten geben, die bereits dessen Nachleben betrifft und uns davon unterrichtet, wie wenig einer für seine Nachlassverwalter kann. Die Anekdote handelt von einem anderen Schriftsteller, der sich im Urteil mit Schmidt über den freien Westen – „man vergesse doch nicht, daß eben dieser Westen seit 200 Jahren seinen Namen in ganz Asien und Afrika stinkend machte“, heißt es bei Schmidt2 – einig wusste, dessen Meinung über den anderen Erdteil zur Zeit des Kalten Krieges aber weitaus besser war als die Schmidtsche, Peter Hacks nämlich. Dieser DDR-Dramatiker war ein bekennender Sympathisant Schmidts, auch wenn er an dem vieles rätselhaft fand. Eindeutig ist Hacks in seinem Urteil über den Romancier: „Der beste deutsche Epiker der zweiten Jahrhunderthälfte“. Auch spart Hacks nicht mit schmückenden Worten. Von einem „Riesengehirn“ und einer „Riesenmaschine“, die ein „Riesenwerk“ hervorgebracht hätten, ist bei ihm zu lesen. Das größte Lob aber streut er fast nebenbei aus, wenn er Schmidt das Bedürfnis attestiert, „die Leserschaft bei Leselaune zu halten“3, haben, nach Meinung Hacksʼ, die meisten modernen Autoren einen solchen Anspruch doch längst aufgegeben.

Wir stellen fest: Hacks mochte Schmidt. Das ist ja nicht ungewöhnlich; ein Schriftsteller mag den anderen, man schreibt übereinander. Eine der bevorrechteten Gattungen in dieser Hinsicht ist das Gedicht. Auf wenig Raum bietet es die Gelegenheit, den anderen zu loben und dessen Eigenart hervorzuheben. Hacks, der Dramatiker, schrieb auch Gedichte, im Laufe seines Lebens und seiner steigenden Verdrießlichkeit ob des Weltlaufs (gemeint ist der Untergangs des Sozialismus) sogar immer mehr – und seit 1998 veröffentlichte er diese (zu Freud und Leid der Leserschaft) in der Zeitschrift konkret. Just dort erschien in Heft neun des des genannten Jahres auch ein Gedicht über Arno Schmidt, eine Liebeserklärung mit Abgründen, residiert in Bargfeld doch seit des Dichters Ableben die nach ihm benannte Stiftung:

Pilgerreise nach Bargfeld

Das reiche Dorf, beschaulich und behäbig,
Hat seine Slums. Das ich zu sehn verlange,
Das Schmidtsche Hüttchen, unvorstellbar schäbig
Hockt es, nah dem Verfall, am Ortsausgange

Im Zwergengarten, schauderhaft umstanden
Mit gottbewahrmich Tannen. Überdies
Ist von Zement ein Bunkerchen vorhanden.
Zum Glück, die Wohnung stört nicht des Genies.

Denn vor dem Schandfleck ragt, gefügt aus Klinkern,
Ein niedersächsisch festes Bauernhaus,
Mit Schmocks bevölkert, Wichtigtuern, Trinkern.
Die Stiftung ist der Inhaber des Baus.
Dem Original der Mangel und die Ehren.
Das Wohlleben gehört dem Sekundären.4

Der Redaktion der Zeitschrift konkret, die sich nicht nur Peter Hacks, sondern auch Arno Schmidt verbunden weiß, war nicht entgangen, dass Hacksʼ Gedicht mehr als nur einen Seitenhieb gegen die seit dem November 1981 unter dem Dach der Arno-Schmidt-Stiftung organisierte Schmidt-Philologie enthält. Sie entschied daher, das Gedicht Bernd Rauschenbach, dem Sekretär der Stiftung, vorzulegen und diesem die Möglichkeit eines Kommentars zu geben. Im Nachhinein muss man sagen, sie hätte das nicht tun sollen, im Interesse von Herrn Rauschenbach wie auch der Stiftung. Denn sicherlich wäre Hacksʼ böser Kommentar mehr oder weniger unbemerkt in den unendlichen Kellern der Literaturgeschichte verschwunden. Durch Herrn Rauschenbachs Antwort an die Redaktion aber war aus dem Gedicht mehr geworden als nur ein Gedicht, ein beispielhafter Fall philologischer Idiotie nämlich und eben der Beweis des Schmockhaften, also Journalistischen, das Hacks den Vertretern der Stiftung unterstellt.

Bernd Rauschenbachs Antwort an Hacks ist nicht zimperlich. Sie geht, wie wir Kegler sagen, direkt in die Vollen. Nachdem Rauschenbach die ‚Schmocks‘, d.h. die MitarbeiterInnen der Stiftung aufgezählt hat, fragt er entschieden: „Wer oder was gibt Ihnen, Herr Hacks, eigentlich das Recht, Ihnen unbekannte Menschen derart flegelhaft zu beleidigen?“5 Dann macht sich der Philologe daran, das Gedicht zu widerlegen. Denn, man höre und staune, es stimmt ja nicht, was Hacks da behauptet! Und geht denn das, falsche Fakten in einem Gedicht?

Bargfeld ein »reiches Dorf«? Das wird die paar Bauern, die sich hier noch über Wasser halten können, erfreuen, ebenso die Samtgemeindeverwaltung, die gar nicht weiß wohin mit den riesigen Steuereinnahmen aus Bargfeld, oder die arbeitslosen VW-Arbeiter. – Im Gegensatz dazu also das »Hüttchen« Schmidts unvorstellbar schäbig und dem Verfall nah, ein Schandfleck, der hinfort mit den Favelas Rio de Janeiros oder den Slums der South Bronx in einem Atemzug genannt werden muß. Gut, das kleine Haus (1948 als »Behelfsheim« von schlesischen Flüchtlingen gebaut) ist ärmlich-bescheiden, und es schäbig, nein: »unvorstellbar schäbig« zu nennen, mag mehr über den Wohnstil eines Nationalpreisträgers der DDR als über das Haus aussagen – aber wo, bitte, soll der Verfall sein? Das Haus wird von besagter Frau Knop liebevoll gepflegt und – wie jedermann sehen kann – in tadellosem Zustand erhalten. – Ob es »am Ortsausgange« liegt – Verzeihung: »hockt«, darüber immerhin könnte man streiten, Ortskundige jedenfalls würden die Ortsausgänge eher an den drei asphaltierten Straßen als an dem Feldweg lokalisieren, der an Schmidts Haus vorbei im Gelände versandet; und eine Formulierung wie »am Ortsrande« würde sich ja nicht auf Ihr herrisches »verlange« reimen.
Wo und was der »Zwergengarten« sein soll, weiß ich nicht. Weder handelt es sich beim Schmidtschen Grundstück um ein zwergenhaft kleines – (es sei denn, gut 4.000 qm reichten Ihnen nicht) –, noch ist es irgendwie zwergenhaft-steingartenartig gestaltet, noch stehen Gartenzwerge auf ihm herum. – Das Grundstück ist weder von »gottbewahrmich Tannen« noch von sonstigen Tannen umstanden. Sie könnten, wenn Sie einmal nach Bargfeld kämen, Tujen, Wacholder, Lärchen, Birken, Fichten, diverse Obstbäume und eine Weymouthskiefer sehen, und (ja, richtig:) ein oder zwei Tannen. – »Überdies ist von Zement ein Bunkerchen vorhanden«? Sicher, so haben Sie es wohl immer wieder in der Presse gelesen, aber dadurch wird es leider nicht wahrer. Kein Mensch, der Augen im Kopf hat, assoziiert beim Anblick des von Schmidt entworfenen, einem niedersächsischen Treppenspeicher nachempfundenen Archivgebäude einen Bunker. (Auch ist es mitnichten »von Zement«, sondern gemauert und verputzt.)

Dass Herr Rauschenbach nicht einsehen mag, „wie ein Sonett irgendeine dichterische Wahrheit oder auch nur Wahrhaftigkeit aufweisen kann, das (von haltlosen Beleidigungen abgesehen) von vorne bis hinten eine falsche Schilderung der Realität bietet“, erklärt sich aus dem vorigen langen Zitat. Die Rauschenbach-Methode hat ja etwas für sich. Literatur sollte sich stets an die Realität halten. Diese Unwahrheiten immer! Allein, wenn die Dichter in ihren Texten immer die Sonne aufgehen lassen, wo doch jedes Schulkind weiß, dass die Erde um die Sonne kreist (entschuldigung: sie ellipst). Wir sehen hier von der wirklich schwierigen theoretischen Frage, was denn Realismus sei und ob der schon erreicht ist, wenn nur die Details stimmen, ab und bleiben bei der Praxis. Ein (heute nicht ganz unbekannter) konkret-Leser hat Herrn Rauschenbachs Kritik beherzigt und uns gezeigt, wie man das macht mit der Dichtung und der Wahrheit. Im Oktober-Heft von konkret ist seine Korrektur der Pilgerreise nach Bargfeld, an der uns vor allem die Wiederaufnahme des Alkoholischen im letzten kurzen Vers beeindruckt, abgedruckt. Sie geht so:

Bildungsreise nach Bargfeld

Sonett von Peter Hacks, umgearbeitet nach Vorschlägen von Bernd Rauschenbach

Das gar nicht »reiche« Dorf (Arbeitslosigkeit), ist eher klein als groß.
Und hat eigentlich keine Slums. Das ich zu sehen hier strande,
Das Schmidtsche Hüttchen, von Frau Knop in Schuß gehalten (tadellos!),
Liegt nicht am »Ortsausgang«. Sondern am Ortsrande. [Reimt sich doch! W H]

Im relativ großen (4000 qm!) Garten, der von »Tannen«dickicht
nicht umstanden ist (sondern von: Tujen, Wacholder, Lärchen, Birken, div. Obstbäumen, 1 Weymouthkiefer und Fichten),
Gibt es keinen Bunker. Und aus »Zement« schon gar nicht!
(Stand zwar in der Presse, stimmt aber – wie so manches in der Presse! – mitnichten.)

Und vor dem Schmuckstück (dank Frau Knop!) »ragt« (falsch!), »gefügt aus« (falsch!) »Klinkern« (richtig!)
Kein »niedersächsisches Bauernhaus«, eher ein Einfamilienbungalow.
Mit »myopischen Zechern« (H. Rowohlt) bevölkert, die sich nicht zu »wichtig«
nehmen. Und auch alles nette Menschen sind. (Das sowieso!)
Bzw. – wenn wir einmal an A. S. denken – waren.
Darauf einen Klaren!

Wolfgang Herrndorf
Berlin6

Peter Hacks reagierte milder und zugleich schärfer als der konkret-Leser Herrndorf. An seinem Gedicht veränderte er, natürlich, nichts. Dafür riet er Bernd Rauschenbach, sich doch bitte nicht „seinem Haß zum Gefallen wie ein Narr aufzuführen“ und auf den Abdruck des Briefes in der Zeitschrift zu verzichten.7 Der aber wollte nicht hören. Und so ist Bernd Rauschenbach als Vertreter der Reimpolizei in die Literaturgeschichte eingegangen.

Hätte Hacks, seit jeher ein Feind des Regietheaters und der Eintheaterung von Romanen, gewusst, dass Rauschenbach 18 Jahre später und pünktlich zum 100. Geburtstag Schmidts „Seelandschaft mit Pocahontas“ für die Bühne bearbeitet, vielleicht wäre seine Reaktion weniger milde ausgefallen. Die uns vorzustellen, ist aber ein anderes Thema. Zum Schluss vielleicht noch dies: Wer sich zum Jubiläum mit Schmidt nicht nur daheim lesend beschäftigen möchte (ich verzichte an dieser Stelle auf die Hinweise zu den Jubiläumspublikationen), muss nicht im Theater an Langeweile sterben. Für die Berlinerinnen und Berliner hat die Universitätsbibliothek der Freien Universität eine Ausstellung erarbeitet, die einen Überblick über die verschiedenen Schmidtiana bietet. In diesem Sinne: Wir gratulieren!

  1. Der kleine Text, aus dem wir hier zitieren, heißt „Flüchtlinge, oh Flüchtlinge“ und findet sich in der Bargfelder Ausgabe, Werkgruppe 3, Bd. 3: Essays und Aufsätze 1, S. 398-401. [zurück]
  2. Und zwar im Essay „Deutsches Elend“, ebd., S. 438-440 [zurück]
  3. Die Zitate entstammen dem Essay „Die Schwärze der Welt am Eingang des Tunnels“, der sich in der Werkausgabe von Peter Hacks befindet: Bd. 13: Die Maßgaben der Kunst I, Berlin 2003, S. 477-501 [zurück]
  4. Zit. n. konkret (1998), H. 9, S. 60 [zurück]
  5. Ebd. [zurück]
  6. konkret (1998), H. 10, S. 6 [zurück]
  7. konkret (1998), H. 9, S. 60 [zurück]
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Müller-Montag. Heiner-Müller-Bibliographie http://Torpedo.blogsport.de/2014/02/01/mueller-montag-heiner-mueller-bibliographie/ http://Torpedo.blogsport.de/2014/02/01/mueller-montag-heiner-mueller-bibliographie/#comments Sat, 01 Feb 2014 18:29:55 +0000 Administrator Kommentar http://Torpedo.blogsport.de/2014/02/01/mueller-montag-heiner-mueller-bibliographie/ Wie stellt man eine Bibliographie vor? Ist das nicht eine skurrile Idee? Geht das überhaupt? Die Internationale Heiner-Müller-Gesellschaft, die im Literaturforum im Brecht-Haus regelmäßig den sogenannten Müller-Montag veranstaltet, hat es versucht. Herausgekommen sind zweieinhalb Stunden Langeweile, eine Zeitverschwendung allererster Güte.

Wenn nach Müller vielleicht die Kunst enttäuschen darf, die Wissenschaft sollte es nicht. Vor allem nicht, wenn sie einmal nicht interpretiert, sondern zu den Ursprüngen der Philologie zurückkehrt und positive Fakten, Literaturangaben, sammelt. Eine Bibliographie ist ein hilfswissenschaftliches Mittel, das die Recherche erleichtert, das Orientierung gibt. Wer eine Personalbibliographie in die Hand nimmt, hat sich entschlossen, über einen bestimmten Text zu arbeiten; die Bibliographie bietet ihm eine Liste von Aufsätzen, die zu dem Text publiziert wurden, sie gibt Informationen über die verschiedenen Publikationsorte und Auflagen des Textes. Wer eine Veranstaltung besucht, auf der eine Bibliographie vorgestellt wird, möchte also vielleicht etwas über den Entstehungsprozess der Bibliographie erfahren, über die spezifischen Probleme, die sich aus dem jeweiligen Material ergeben (also bei Müller etwa die Frage der Gattungsgrenzen). Wer aber jene Veranstaltung besucht hat, die hier zur Rede steht, erfuhr noch einiges mehr, nur eben leider schon längst Bekanntes.

Der Abend beginnt pünktlich um 20 Uhr mit einer Verwunderung. Neben Florian Vaßen, dem verdienstvollen ‚Verfasser‘ der neuen Heiner-Müller-Bibliographie (erschienen bei Aisthesis), sitzt Bernd Klaus Tragelehn, Regisseur, ehemaliger Müller-Freund und Vorsitzender der Müller-Gesellschaft, neben diesem der Schauspieler Hermann Beyer, und neben diesem, der Verleger des Aisthesis Verlags, Detlev Kopp, in dem die Bibliographie erschienen ist. Bevor nun diese illustre Runde den Abend beginnt, werden dem staunenden Publikum aber noch zwei weitere Menschen vorgestellt: Anja Quickert, die Geschäftsführerin der Müller-Stiftung sowie Thomas Buchholz. Letzterer ist Komponist und steuert einige Kompositionen für Chöre zu der Veranstaltung bei, wie Frau Quickert erzählt. Diese Kompositionen heißen Torsi; und spätestens jetzt weiß man, dass man einen Fehler gemacht hat. Man hat der Neugierde nachgegeben, herauszufinden, wie man eine Bibliographie vorstellt. Und zur Strafe ist man in einem Veranstaltungstorso gelandet und wird nun ‚torsiert‘.

Zunächst spricht Florian Vaßen, d.h. er trägt vor. Wer sich einmal in bisschen intensiver mit Müller beschäftigt hat, kann eigentlich jetzt schon abschalten. Denn Vaßen gibt nur vor über die Bibliographie zu sprechen. In Wahrheit erzählt er dem Publikum einfach noch einmal, wie Müllers Poetik funktioniert, was sein Theaterbegriff war usw. usf., und das mit den allbekannten Zitaten. Nach dieser fast dreißigminütigen abgelesenen und pointenfreien Rede trägt der Schauspieler einen bekannten Text Müllers aus den 1970er Jahren vor, offenbar in Ermangelung eines neueren Textfundes (und im Widerspruch zur Veranstaltungsankündigung, die „weitgehend unbekannte Texte“ Müllers versprach). Sodann spricht der Verleger. Verleger sind gutmütige Menschen. Sie wollen die Literatur befördern (sie sichert ja ihr Brot) und sie lieben die Autoren. Deshalb berichtet Herr Kopp auch erst einmal von seiner persönlichen Begegnung mit Heiner Müller. Es war nur eine, sie trug sich zu in einer westdeutschen Großstadt: der Verleger, der den Autor auf der Straße erkannte, stellte sich ihm in den Weg und erzählte ihm etwas über den Grabbe-Preis für Nachwuchsdramatik. Der Autor, den das nicht interessierte, fragte den Verleger daraufhin, ob er wisse, wo in der Stadt ein Spielzeuggeschäft existiere, er wolle ein Spielzeug für seine Tochter kaufen. Jetzt ist der Moment gekommen, wo man den Fehler, den man gemacht hat bereut, auch weil man erkennen muss, dass man nicht nahe genug an der Tür sitzt, um zu entfliehen. Wer das Literaturforum kennt, weiß: wer am Ende des schlauchartigen Raumes sitzt, hat verloren.

Der Verleger erzählt dann immerhin noch etwas über Bibliographien, wie die sich so verkaufen, warum man sie überhaupt noch als Buch und nicht direkt online publiziert, wann die neue Müller-Bibliographie online gestellt werden könnte usw. Man ist beruhigt. Es geht tatsächlich ums Thema. Zufriedenheit stellt sich ein.

Dann kommt der Musiker. Doch bevor der erste „Torso“ abgespielt wird, erzählt auch Thomas Buchholz von seiner persönlichen Begegnung mit Müller. Zudem erfahren wir noch, in welch schwierigen privaten Umständen die Lieder entstanden sind. Und als dann endlich das erste Lied kommt – es folgen im Laufe des Abends noch weitere – kann man die Schwierigkeit der Entstehungssituation am eigenen Leibe nachempfinden. Ein Chor singt einen Text, den man nicht versteht, sehr gedehnt, sehr gequält; sehr gequält. Der Applaus ist verhalten, höflich. Nun setzt der Schauspieler wieder ein. Und schließlich spricht B.K. Tragelehn, Regisseur der legendären Uraufführung der „Umsiedlerin“ (1961). Er trägt aus dem Protokoll eines Gesprächs aus den 1990er Jahren vor, das bis jetzt nur auf Englisch publiziert worden ist. Wie immer hält sich der expressive Charakter Tragelehns wenig an den Text. Er trägt ihn zwar vor, aber er kommentiert ihn gleichzeitig auch, unterbricht sich selbst, unterbricht Florian Vaßen, der, die Zeit im Blick, versucht Tragelehn zu stoppen. Es ist eine nahezu anrührendes Bild, wie Vaßen mit Tragelehn ringt. Wer Tragelehn kennt, wer ihn schon einmal öffentlich hat sprechen hören, weiß, wie schwer es ist, diesen Mann zu unterbrechen, wenn er einmal in Fahrt, sprich: in Erzähllaune gekommen ist – da wird mit Anekdoten scharf geschossen.

Als auch dieser Teil des Abends absolviert ist und die Hoffnung keimt, man dürfe nun endlich nach Hause, ergreift noch einmal Herr Vaßen das Wort. Er wisse ja nicht recht, ob alle Anwesenden des Französischen mächtig seien. Er werde nun in jedem Falle und ganz unabhängig davon, ob es denn verstanden würde, aus einen französischen Interview mit Müller vortragen. Können Sie französisch? Ich nicht. Und so endete der Abend passenderweise im Unverständnis, wozu auch die restlichen Lieder des Komponisten ihren Beitrag leisteten.

Mein Tipp: Glauben Sie keinen Veranstaltungsankündigungen. Zügeln Sie Ihre Neugier. Machen Sie, wenn demnächst eine Ernst-Jandl-, Wieland-Herzfelde oder Wolfgang-Herrndorf-Bibliographie in Ihrer Stadt vorgestellt wird, etwas anderes. Nutzen Sie Ihre Zeit. Es gibt so viele schöne Dinge. Vielleicht gehen Sie einfach einmal wieder ins Kabarett.

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Verwertungslogik: alte Schule http://Torpedo.blogsport.de/2011/03/25/verwertungslogik-alte-schule/ http://Torpedo.blogsport.de/2011/03/25/verwertungslogik-alte-schule/#comments Fri, 25 Mar 2011 07:21:57 +0000 Administrator Quatsch http://Torpedo.blogsport.de/2011/03/25/verwertungslogik-alte-schule/ Eine Freundin erzählt mir von der Umschulung. Im Deutschunterricht, gibt es Bewerbungstraining. Der Lehrer sagt, das wichtigste ist ein seriöses Anschreiben, das Vertrauen erzeugt. Deshalb sei gutes Deutsch wichtig. Vorne links meldet sich jemand. Es ist die Blondierte mit den hochhackigen Schuhen, in denen sie kaum laufen kann. „Für mich das wichtigste ist das Bewerbungsfoto. Deshalb habe ich auch extra chicke machen lassen, so mit nachretouchiert und so.“ „Das Bewerbungsfoto ist natürlich auch wichtig. Es gibt Ihnen die Möglichkeit, sich mit Ihrer ganzen Person zu präsentieren“, sagt der Lehrer. „Genau, ganze Person. Wenn der Chef die Bewerbungsmappe aufmacht und mein Bild sieht, soll der sich denken: Wow! Die will ich ficken. Dann hab ich den Job.“
Man fragte sich, ob das Leben den Witz nachahmt, oder der Witz das Leben. Denn zweifelsohne handelt es sich hier um einen klassischen Blondinenwitz-Plot. Und es haben, wie ich mir habe versichern lassen, auch alle gelacht. Es war aber vollkommen ernst gemeint.

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Der Märchenerzähler ist da http://Torpedo.blogsport.de/2011/02/21/der-maerchenerzaehler-ist-da/ http://Torpedo.blogsport.de/2011/02/21/der-maerchenerzaehler-ist-da/#comments Sun, 20 Feb 2011 23:19:41 +0000 Administrator Blütenlese http://Torpedo.blogsport.de/2011/02/21/der-maerchenerzaehler-ist-da/ Jüngst war ich mit einer lieben Bekannten in Beeskow, um mir eine Ausstellung anzusehen. Ein Besuch Beeskows, man muss das hier laut und vernehmlich sagen, lohnt sehr. Denn diese durchaus reizende Kleinstadt im Oder-Spree-Kreis hat etwas zu bieten, das einzigartig ist: das Kunstarchiv Beeskow, eine Sammlung ehemaliger DDR-Kunst, insgesamt 23.000 Objekte, von denen immer wieder einige für Ausstellungen ausgewählt und kompiliert werden.
Zurzeit und bis Mai 2011 ist auf Burg Beeskow noch die Ausstellung „BilderBühnen. Leinwandszenen aus dem Kunstarchiv Beeskow 1978 bis 1988“ zu sehen; späte, bisweilen verstörende DDR-Kunst, die ein ganz anderes Bild transportiert, als dasjenige, welches ganz spontan entsteht, wenn man daran denkt, dass die Sammlung des Kunstarchivs Beeskow aus „Erholungsheime[n], Schulungszentren, Geschäftsstellen, Gästehäuser[n] oder Speisesäle[n]“ sowie manchem Parteibüro stammt.
Zwar gibt es auch einige Bilder, die kaum den Erwartungshorizont sprengen, wie beispielsweise Willi Sittes anklagendes Bild „Apartheid“, das zu einer ganzen Reihe von Bildern zu Südafrika gehört, mit dem sich Sitte seit dem Aufstand von Soweto verstärkt beschäftigte.

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Willi Sitte: Apartheid (1986)

Der Großteil der Ausstellung zeigt aber Bilder, welche solche nahezu klassischen antiimperialistischen Sujets verlassen. Bilder wie beispielsweise „Der dritte Versuch“ von Thomas Ziegler, vor denen man in dem großen und hinsichtlich des Lichts seht angenehmen Ausstellungsraum stundenlang stehen könnte.

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Thomas Ziegler: Der dritte Versuch (1983)

Am meisten hat es uns aber ein Bild Andreas Schmidts namens „Der Märchenerzähler ist da“ angetan, über welches es im Ausstellungskatalog kurioserweise heißt, dass „gesellschaftliche Dimensionen“ in diesem ausgeklammert blieben.1 Das Bild zeigt eine relativ alltägliche Szene in einem Kindergarten oder einem Kinderhort. Um einen Vorleser herum, der auf einem Tisch sitzt, haben sich die Kinder gruppiert. Man sieht die Kinder von vorn, ihre Gesichter allerdings nur schemenhaft. Sie scheinen interessiert zuzuhören, ein Kind hat die Hand an den Kopf gehoben, eine Geste der Aufmerksamkeit und der Konzentration. Links oben an der Wand hängt ein Kind rücklings über dieser, die Hände im Nacken verschränkt.
Den Erzähler aber sehen wir nur von hinten. Er, der unter gelben Lampions sitzt, die aussehen wie Zitronenscheiben, steht ganz im Zentrum des Bildes. Während die Wände rot gehalten sind und auch die Kinder farblich kaum hervorstechen, trägt er einen grünen langen Mantel und eine grüne Kappe, die deutlich als die Narrenkappe des Till Eulenspiegel gekennzeichnet ist. Die Schellen der Kappe hängen aber nicht seitwärts am Kopf herunter, sondern stehen aufrecht, was dem Bild eine eigenartige Bewegung verleiht, während die ganze Atmosphäre doch eher Ruhe ausstrahlt – bedächtiges Vorlesen und ruhiges Zuhören.
Rechts neben dem Vorleser, ganz nahe am Tisch, steht ein Kind, die Hände auf eine Stuhllehne gestützt, den Kopf leicht nach unten geneigt. Dieses Kind ist im Gegensatz zu den anderen farblich am deutlichsten markiert. Die Mimik des Kindes ist kaum zu ergründen, so wie auch die ganze Stimmung des Bildes.

schmidt

Während die Bekannte und ich uns über viele der anderen Bilder schnell einig wurden, ein wenig herumrätselten, aber doch im wesentlichen zu den gleichen Ergebnissen kamen, entstand hier Streit. Denn es ist nicht nur der stehende Junge, in welchem ich eine Büßerhaltung erkennen man, als werde er von einer Autoritätsperson gemaßregelt, stumm stehend, eine Strafpredigt über sich ergehen lassend, es ist auch der Vorleser selbst, der etwas Unheimliches ausstrahlt. Schon der Umstand, dass wir ihn nicht sehen, lädt den Betrachter natürlich ein, der Gestalt, die da in solch seltsamer Verkleidung sitzt, ein Gesicht beizugesellen.
Was liest er wohl vor? Und liest er überhaupt vor? Hatdas Buch, das er hält, nicht nur weiße Blätter? Was ist das also für eine Situation? „Der Märchenerzähler ist da“, so scheint mir, ist auch kaum ein eindeutiger Titel. Die Syntax mutet komisch an. Ist das ein einfacher Aussagesatz, oder könnte man auch ein Ausrufezeichen dahinter setzen?

schmidt
Andreas Schmidt: Der Märchenerzähler ist da (1985)

Was auch immer dieses mich faszinierende Bild aussagen mag, ich würde es in keinen Kindergarten hängen und in kein Kinderzimmer. Im Katalog heißt es über den Maler Andreas Schmidt, er sei ein „sonnenhungriger Romantiker“ gewesen und habe eine „sonnenkindhafte“ Neigung gezeigt. Wo Licht ist, da ist auch Schatten. Ist es komisch, dass ich in diesem Bild eher die Schatten sehe?

  1. BilderBühnen. Leinwandszenen aus dem Kunstarchiv Beeskow 1978 bis 1988, hg. von Simone Tippach-Schneider, Beeskow 2010, S,. 58 [zurück]
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Eine kleine Ergänzung zu Wieland Herzfelde http://Torpedo.blogsport.de/2011/02/13/eine-kleine-ergaenzung-zu-wieland-herzfelde/ http://Torpedo.blogsport.de/2011/02/13/eine-kleine-ergaenzung-zu-wieland-herzfelde/#comments Sun, 13 Feb 2011 21:40:03 +0000 Administrator LiteraturgeschichteStalinismusWieland Herzfelde http://Torpedo.blogsport.de/2011/02/13/eine-kleine-ergaenzung-zu-wieland-herzfelde/ Wir hatten Anlaß über Wieland Herzfelde zu sprechen. Nun stoßen wir zufälligerweise auf eine Anekdote denselben beteffend1, die so köstlich ist, daß Sie hier einfach wiedergegeben werden soll – nicht zuletzt weil sie in den Themenumkreis des Stalinismus gehört, dem wir uns ja auch in unserem letzten Beitrag widmeten. Die Anekdote trägt den Namen Herzfelde in Moskau.

Besonders gerne erzählte Hacks die Geschichte, wie Wieland Herzfelde, der Gründer des sagenumwobenen Malik Verlages, 1938 in Moskau weilte und dort erschossen werden sollte. Herzfelde war nach Moskau gereist, um am Schriftsteller Kongress teilzunehmen. Er hielt eine Rede und sagte, der sozialistische Realismus ähnele noch zu sehr einer Seite von Tolstoi und riet, man solle ihn ein wenig mehr wie James Joyce schreiben. Zwei Tage später sagte ihm Johannes R. Becher, der spätere erste Kulturminister der DDR, er solle wegen dieser Rede erschossen werden. Herzfelde nahm das ernst, ging zu einem Büro, sage dort er solle erschossen werden, was es damit auf sich habe. Der Beamte nahm das auch ernst, blätterte in Akten, telefonierte auch mit anderen Stellen und sagte dann zu Herzfelde, gegen ihn läge nichts vor. Zurück in seinem Hotel, fand Herzfelde ein Honorar vor, zusammen mit der Anfrage der Redaktion der Prawda, man gedenke, seine Rede abzudrucken, erbitte seine Erlaubnis und hoffe, dass er mit der überwiesenen Summe zufrieden wäre. Da man damals in Moskau nicht viel kaufen konnte, erwarb Herzfelde, der Eisenbahn fahren liebte, dafür eine ungewöhnlich lange Eisenbahnreise über Finnland, Schweden, Dänemark, Frankreich und die Schweiz nach Prag. Als er dort eintraf, fand er ein Telegramm aus Moskau vor, ob er für die SU eine Ausgabe mit Werken von James Joyce zusammenstellen wolle? „Vorsichtshalber“, erzählte Hacks mit Schmunzeln, „lehnte Wieland Herzfelde ab.“

  1. Die Anekdote findet sich in dem Band: André Müller sen.: Gott hält viel aus. Zweihundert Anekdoten über Peter Hacks, Berlin: Eulenspiegel 2009, S. 106f. [zurück]
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Dadada, oder: „Dada hat Gott sei Dank seinen Lukács nicht gefunden“ – Wieland Herzfelde im Jahr 1976 http://Torpedo.blogsport.de/2011/02/08/dadadada-oder-dada-hat-gott-sei-dank-seinen-lukacs-nicht-gefunden-wieland-herzfelde-im-jahr-1976/ http://Torpedo.blogsport.de/2011/02/08/dadadada-oder-dada-hat-gott-sei-dank-seinen-lukacs-nicht-gefunden-wieland-herzfelde-im-jahr-1976/#comments Mon, 07 Feb 2011 22:48:18 +0000 Administrator LiteraturgeschichteDDR LiteraturGeorg LukácsHeiner MüllerStalinismusWieland Herzfelde http://Torpedo.blogsport.de/2011/02/08/dadadada-oder-dada-hat-gott-sei-dank-seinen-lukacs-nicht-gefunden-wieland-herzfelde-im-jahr-1976/ „Da da da“ war nicht nur der große Hit der Neuen Deutsche Welle-Formation Trio. Dada oder Dadaismus, das war auch die von Zürich ausgehende, mitten im Ersten Weltkrieg begründete literarische Bewegung, die in einer radikalen Umkehr alles bisher Dagewesenen mit den Konventionen der Kunst und des guten Geschmacks aufräumte. So dichtete Hugo Ball 1916, recht passend zum ‚Gaga‘ der Deutschen in den Schützengräben und an der Heimatfront, seinen Totentanz nach der Melodie des Soldatenliedes „So leben wir“:

„So sterben wir, so sterben wir.
Wir sterben alle Tage,
Weil es so gemütlich sich sterben läßt.
Morgens noch in Schlaf und Traum
Mittags schon dahin.
Abends scho zuunterst im Grabe drin.“


In Balls am 14. Juli 1916 in Zürich vorgetragenem Eröffnungs-Manifest hieß es:

„Dada ist eine neue Kunstrichtung. Das kann man daran erkennen, daß bisher niemand etwas davon wußte und morgen ganz Zürich davon reden wird. Dada stammt aus dem Lexicon. Es ist furchtbar einfach. Im Französischen bedeutets Steckenpferd. Im Deutschen: Addio, steigt mir bitte den Rücken runter, auf Wiedersehen ein ander Mal!“

Und tatsächlich redete man nicht nur in Zürich davon, sondern auch in Berlin. George Grosz und Helmut Herzfeld griffen Balls sowie Richard Huelsenbecks Dadaistisches Manifest auf. (man geht kaum fehl, wenn man den Dadismus eine Kunstrichtung der Manifeste nennt; es gibt über ein Dutzend). Bald entstand auch in Berlin eine Dada-Szene, die – so viel muss zugestanden werden – doch immerhin die Fotomontage als künstlerisches Verfahren hervorbrachte, eine völlig neuartige und, wie man später am Beispiels Helmut Herzfelds, der sich da längst in John Heartfield umbenannt hatte, sehen konnte, durchaus revolutionäre Kunst.

John Heartfields Fotomontagen
Fotomontage John Heartfields

Mit im Boot war auch dessen Bruder Wieland Herzfeld (der seinem Nachnamen, weil es auch einfach schöner klingt, ein ‚e‛ anhing), der dazu aufrief „Dadamunden“ zu sprechen und die „mistverpichten Präpipister [zu] töteln“, zahlreiche Nonsens-Gedichte im Geiste der Verweigerung jeglicher Autorirät schrieb und im Dada-Jahr 1916 schließlich die Zeitschrift „Neue Jugend“ gründete – welche die Regierung sofort verbot. Damit aber, so scheint‛s, hatte der Dichter Herzfelde seine Profession gefunden. 1917 gründete er den sagenumwobenen Malik-Verlag, der bald zu einem der führenden linken Verlage der Weimarer Republik aufstieg und sich rühmen darf, die Deutschen mit Upton Sinclair und Jon Dos Passos bekannt gemacht zu haben (mal ganz abgesehen von den grafischen Standards, die John Heartfield und Georg Grosz setzten). Die Weimarer Zeit war für Herzfelde eine recht bewegende; und sie endete für ihn wie für die meisten Kommunisten und Sozialdemokraten (ja selbst für solche Knallchargen wie Gustav Noske) in der Katastrophe. Über Prag und London führte Herzfelde der Weg nach New York, wo er 1944 den Aurora-Verlag ins Leben rief und eifrig die Literatur des antifaschistischen Exils verlegte.
1949 kehrte er aus dem Exil zurück und ging, wie jeder halbwegs vernünftige Mensch seinerzeit, in die Deutsche Demokratische Republik, die „Diktatur der Opfer“, wie Friedrich Dieckmann einmal ganz richtig formulierte. Dortselbst mit einem Professorentitel bekränzt, man tat schließlich was für seine Leute1, lehrte er erst an der Universität Leipzig und dann am 1955 gegründeten Literaturinstitut. In einem 2010 erschienen Gesprächsband erinnert sich Adolf Endler, Studierender des ersten Jahrgangs, an die Lehrer des Instituts und beschreibt Herzfelde als einen der

„langweiligste[n] und dogmatischste[n]“ Lehrer und als einen der schlimmsten Stalinisten, „der in seinen Seminaren in unsäglicher Weise über die amerikanische Literatur hergezogen ist. Auch er wollte von den stalinistischen Verbrechen nicht wissen, auch später nicht.“2

Der letzte Teil des Satzes stimmt nicht ganz, auch wenn Endler durchaus versteht, was in den fünfziger Jahren gerade bei so ‚altgedienten‛ Genossen wie Herzfelde, der noch am Tag der Gründung der KPD deren Mitglied geworden war, vorging: „Später ist mir dann klar geworden, dass dieser Mann Angst hatte.“3 Man sollte das nicht unterschätzen. Immerhin waren vor nicht allzu langer Zeit Wilhelm Zaisser und Rudolf Hernstadt weggemäht worden, und die Prozesse gegen Harich und Co., die Ende 1956 verhaftet wurden, waren in vollem Gange.
Wie so oft aber – was jedoch nun wirklich ein anderes Kapitel ist – beschreibt Endler in seiner Äußerung nicht den ganzen Sachverhalt. Denn Wieland Herzfelde wollte von den stalinistischen Verbrechen später durchaus noch etwas wissen. Und was er auch immer gewesen sein mag, ein Stalinist war er gewiss nie. Das bringt uns zum eigentlichen Anlass dieses kleinen Textes. Sie entschuldigen die umständliche Einleitung, gell?
Am 13. März 1978 saßen in der Akademie der Künste der DDR, Robert-Koch-Platz Nr. 7, direkt bei der Charité, neun Männer und eine Frau beisammen und sprachen über Georg Lukács und dessen Realismustheorie. So lautete zumindest der Titel der Veranstaltung, die im Rahmen der von Peter Hacks begründeten Akademie-Arbeitsgruppe Ästhetik stattfand und an der neben den führenden Literaturwissenschaftlern Werner Mittenzwei und Robert Weimann auch der Philosoph Wolfgang Harich, der ehemalige Kulturminister Alexander Abusch sowie die SchriftstellerInnen Helmut Baierl, Peter Hacks, Rainer Kerndl, Günther Rücker, Anna Elisabeth Wiede und last but not least eben auch Wieland Herzfelde teilnahmen; eine illustre Runde also.4
Herzfelde, der im April 1976 bereits zweiundachtzig Lenze zählte, spielt in diesem Gespräch eine besondere Rolle. Denn während die anderen den ja durchaus ehrenwerten Versuch unternahmen, sich über die literaturgeschichtliche Rolle Lukács und dessen ästhetische Theorie zu verständigen, sprach Herzfelde über seine ganz eigenen Erfahrungen mit dem Spiritus rector der marxistischen Literaturtheorie nach 1945.
Es beginnt damit, dass Wolfgang Harich äußert, er sei der Ansicht, Lukács habe den „Bedingungen in der damaligen Zeit“ – gemeint ist natürlich der Stalinismus – „doch eben das Beste abgerungen“, woraufhin Herzfelde trocken einwirft: „Ich nicht.“ (102) Und wenig später antwortet der ehemalige Dadaist auf die Frage Peter Hacks‛, was es denn sei, was Lukács verkannt habe „und was wir doch so dringend brauchen und hervorgebracht haben“?: „Brecht, Heartfield, Grosz. Ich nenne Brecht, Heartfield, Grosz zum Beispiel.“
Das ist der Auftakt. Wieland Herzfelde hat sich warmgelaufen, könnte man sagen. Denn Herzfelde spricht, und das macht er sofort und unmissverständlich klar, indem er betont, dass der elf Jahre ältere Lukács ja eher ein Zeitgenosse von ihm war, über sein persönliches Verhältnis zu Lukács (und meint damit nun eben nicht, was einem so zu einem einfällt, wenn man ein bisschen nachdenkt, also beispielsweise mein persönliches Verhältnis zu Franz Mehring, oder so).
Herzfeldes persönliches Verhältnis zu Lukács war kein positives. Schon mit „Geschichte und Klassenbewusstsein“, der Schrift, mit welcher Lukács in den zwanziger Jahren in marxistischen Kreisen bekannt wurde, war er nicht einverstanden; überhaupt mit dessen ganzer Theorie nicht. Schon damals habe er das, was Lukács „über Literatur sagte, und vielmehr das, was er nicht sagte“, nicht ohne Weiteres schlucken können, „auch heute nicht“. (S. 115) Als er in den fünfziger Jahren in Leipzig gelehrt habe, sei er mit dieser „Art Bibel“ konfrontiert worden, „die im Gegensatz zur wirklichen Bibel bedeutend umfangreicher war“ und welche „unsere heutigen Lehrer unserer Kinder auch noch gelesen und gelernt haben“. Und diese ‚Bibel‛ – gemeint sind Lukács Schriften aus den dreißiger und vierziger Jahren, die in der DDR nach 1945 in großer Auflage erschienen und im eigentlichen Sinne des Wortes Kanon als festgesetzte Ordnung galten, weiter gefasst: Lukács auf dem Boden der Volksfrontstrategie aufgerichtete ästhetische Theorie, die auf eine Ausgrenzung der links-avantgardistischen Literatur zugunsten der Klassik und des bürgerlichen Realismus hinauslief –, diese Bibel also habe letztlich Folgen gehabt, mit welcher die DDR heute zu kämpfen habe:

„Und das rächt sich natürlich in Form von blauen Hosen mit Fransen dran und schmutzig. Also das ist die Rache für diese Art Unterricht.“ (115)5

Sodann wirft Herzfelde Lukács vor, den Roman einseitig zur zentralen Gattung erhoben und die kleineren Genres wie die Lyrik oder auch alltagsnahere Literatur wie etwa die Kalendergeschichten Hebels in Misskredit gezogen, ja einem „Aberglauben an den Roman“ das Wort geredet zu haben (S. 117), dieser völlig überschätzten Gattung, die im ausgehenden 18. Jahrhundert aufgekommen sei, um reichen Damen die Zeit zu vertreiben. – Sie sehen schon, hier wird es ein wenig wirr, auch wenn Herzfelde genealogisch nicht so unrecht haben mag. Aber Herzfelde arbeitet sich tapfer voran. Sicherlich müsse man Lukács auch „eine gewisse Gerechtigkeit“ (S. 117) angedeihen lassen, nur: es dürfe halt nie wieder so weit kommen wie damals an der Universität, als der ehemalige Dadaist Herzfelde mehr oder weniger gezwungen war, Lukács zu unterrichten und … – dann kommt noch eine Schleife, Wieland spricht über seinen Bruder, dessen Klassenverbundenheit, das Bahnbrechende der Fotomontage, erzählt wieder von sich – Sie sehen schon, er kommt ganz schön ins Schwatzen –, wie sie ihn damals „Progreß-Dada“ genannt haben, „weil ich eben für den Fortschritt war“ und dass Dada „Gott sei Dank seinen Lukács nicht gefunden“ (S. 119) habe6 und über El Lissitzky, der die Grafik revolutionierte … und dann, dann ist er da, wo er hin will:

„Ich wollte nur eines sagen: Dem Heartfield und auch mir und auch Becher, weil er in seiner frühen Jugend expressionistische Gedichte geschrieben hat, und vielen anderen ist diese Diskussion sehr schlecht bekommen und es ist nicht so ohne weiteres von der Hand zu weisen, daß sie manchmal sogar lebensgefährlich war. Ich will jetzt nicht auf Einzelheiten gewisser Prozesse usw. eingehen, und auch schlichter Verhaftungen ohne Prozesse usw. Jedenfalls war das eine Diskussion auf Leben und Tod, […] und in dieser Diskussion war Lukács einer der unangenehmen Staatsanwälte, das muss ich doch mal hier deutlich sagen.“ (S. 119f.)


Wieland Herzfelde (1896-1988), „der Mann, der schon den Kaiser Wilhelm geärgert hatte.“ (Peter Hacks)

In Herzfeldes „usw.“ liegt alles, was in der DDR nie in der Öffentlichkeit diskutiert, was nur in privatem Kreis erzählt wurde – und das die Wunden, die sich die Kommunisten untereinander geschlagen hatten, noch einmal in besonderer Weise betraf. Stefan Heym schildert das in seinem im Jahr 2000 erschienenen, aber in den sechziger Jahren verfassten Roman „Die Architekten“ am Beispiel des Gulag-Rückkehrers Daniel Tieck, der in Ostberlin auf eine Mauer des Schweigens trifft. In dem „usw.“ scheint auch der Schock auf, der Leute wie Herzfelde befallen haben muss, als sie erkennen mussten, dass die ästhetische Debatte eine ‚auf Leben und Tod‛ sein konnte, dass die Avantgarde tatsächlich an den Rand geschoben und manche ihrer Vertreter auch über diesen hinaus gestoßen wurden. Und gerade weil Herzfelde einer der ‚Alten‛ ist, der von Anfang an dabei war, spricht hier eine historische Autorität, die eben Zeitzeuge war und nicht wie – mit Ausnahme des 1902 geborenen Abusch – die anderen Beteiligten des Gesprächs der sog. Flakhelfer-Generation angehört.
Niemand widersprach Herzfelde, auch Alexander Abusch nicht. Herzfelde, den man ja auch als leicht senilen Wirrkopf hätte abtun können – vieles von dem, was er vor der ausführlich zitierten Passage äußert, ist ja auch eher ein assoziatives Herumschlängeln; nur, er schlängelte sich eben heran –, wurde eher übergangen. Nicht, dass er nicht recht gehabt hätte. Er hatte objektiv recht. Aber es gab da eben nichts zu reden.
In Herzfeldes gesamten Äußerungen während des Gesprächs zeigt sich eine tiefe Verletzung, eine Verletzung aufgrund mangelnder Anerkennung, die auch durch all die Preise und Orden, die wir aufgezählt haben, nicht aufgehoben worden war. Wir enden deshalb mit einem Satz aus einer Rede von Peter Hacks, die dieser anlässlich des 88. Geburtstags Herzfeldes hielt und die uns diese Aufhebung zu vollziehen scheint:

„Die Person in der DDR soll aufstehn und sich melden, die von ihm nie ein Korn gepickt hat.“7

  1. Die Liste der Auszeichnungen, die Wieland Herzfelde in der DDR erhielt ist nahezu endlos. Wir geben sie aus Gründen der Pedanterie und der Anerkennung hier vollständig wieder: 1959 Heinrich-Heine-Preis; 1961 Vaterländischer Verdienstorden in Silber; 1958 Medaille Kämpfer gegen den Faschismus; 1958 Medaille Teilnahme an den bewaffneten Kämpfen 1928-1923; 1961 Ehrennadel der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft in Gold; 1961 Tolstoi-Medaille; 1966 Vaterländischer Verdienstorden in Gold; 1971 Stern der Völkerfreundschaft in Silber; 1971 Johannes-R.-Becher-Medaille in Gold; 1971 Wilhelm-Bracke-Medaille in Gold; 1973 Nationalpreis II. Klasse; 1976 Ehrenspange zum Vaterländischen Verdienstorden in Gold; 1979 Goethepreis der Stadt Berlin; 1981 Karl-Marx-Orden; 1981 Kunstpreis des FDGB; 1986 Ehrenbürgerschaft der Stadt Berlin. [zurück]
  2. Adolf Endler: Dies Sirren. Gespräche mit Renatus Deckert, Göttingen: Wallstein 2010, S. 142f. [zurück]
  3. Ebd. S. 143 [zurück]
  4. Vgl. Zur Realismustheorie von Georg Lukács, 13.3.1978. In: Berlinische Dramaturgie. Gesprächsprotokolle der von Peter Hacks geleiteten Akademiearbeitsgruppen, hg. von Thomas Keck u. Jens Mehrle, Bd. 3, Berlin: Aurora 2010, S. 81-151. Alle Seitenangaben in Klammern beziehen sich hierauf. [zurück]
  5. Gemeint sind hier natürlich Jeans, über die es in der DDR eine lange und absurde Diskussion gab – u.a. anhand des ‚Skandalstücks‛ „Die neuen Leiden des jungen W.“ von Ulrich Plenzdorf“ –, bis Honecker sie schließlich zuließ. Herzfeld vertritt hier immerhin nicht die Meinung, die Jeans sei des Klassenfeindes. Hier ist sie die bösartige Antwort der Unkultur in Reaktion auf die Propagierung der Lukácsschen Ästhetik, was immerhin mal ein Vorwurf ist, der sich gewaschen hat – auch wenn er natürlich völlig krude ist. Man sollte vielleicht an dieser Stelle, im Kleingedruckten anführen, dass während der Sitzungen auch Alkohol getrunken wurde, und dass der liebe Herr Herzfelde diesen wohl in nicht zu geringem Ausmaß genoß. Das schließen wir aus dem schönen Gesprächseinwurf: „Ich habe noch einen Wunsch, das irgend jemand noch die halbe Flasche austrinkt. Ich kann´s nicht mehr.“ (S. 140) [zurück]
  6. Was auch immer das heißen mag. Denn in dem Satz liegt doch was Paradoxes, außer er meint, dass der Dadaismus nicht so kanonisiert worden ist wie beispielsweise Thomas Mann durch Lukács. Die Kanonisierung einer Anti-Regel-Kunst, das ist übrigens ein interessanter Gedanke, und vielleicht lohnt es ja, einmal darüber nachzudenken, ob das nicht heute (außer in den populären Genres, dem Hollywood-Film, dem Groschen-Roman usw., die alle immer noch nach den alten ‚Gesetzen‛ funktionieren) der Fall ist. [zurück]
  7. Peter Hacks: Herzfelde 88. Eine Zwischenbilanz. In: Deutsche Volkszeitung, 27.4.1984 [zurück]
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